Gut aufgeräumte Landschaften


Ein Sachse und ein Preuße kommen in diesem Buch mehrfach zu Wort, um auf Besonderheiten der Schweizer in Appenzell hinzuweisen. Sie lebten beide Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts, als sich die Region um den Alpstein, in den AlpsteinAppenzeller Halbkantonen Innerroden und Außerroden und im Toggenburg wirtschaftlich und politisch wandelte. In der Ostschweiz wuchs die Textilproduktion auf, die Bauern kamen durch Viehhandel und Milchprodukte zu Wohlstand, über Stalltüren wurden „Sennenstreifen“ angebracht, Tafelbilder, die stolz und zahlengenau den Viehbestand darstellten.

„Die Kuh im Appenzellerland“, vermerkt dazu der preußische Arzt und Reiseschriftsteller Johann Gottfried Ebel, „genießt mehr der Achtung und befindet sich glücklicher als Millionen Menschen Europas.“ Und in tiefem Respekt für den Freiheitssinn der Appenzeller, den er in der bis heute gepflegten demokratischen Landsgemeinde verkörpert sah, fügte er hinzu, das ganze Benehmen der Appenzeller drücke Selbstgefühl und innere Kraft aus. Den zugewanderten Sachsen Heinrich Tschokke wunderte, wie vertraut Amtspersonen und Volk miteinander umgingen: Der Landamman, höchste Magistratsperson, müsse sich gefallen lassen, wenn er vom geringsten Bauern dieselbe Behandlung empfängt, die er diesem widerfahren lässt.

Appenzeller Markenzeichen sind zweifellos bis heute das demokratische Grundverhältnis zur Politik, die Naturverbundenheit und der Geschäftssinn. Wie sie sich in der „Heimat Alpstein“ über Jahrhunderte herausbildeten, ist in dem von Tobias Engelsing liebevoll und mit sachkundiger Hilfe vieler Unterstützer gestalteten Buch nachzulesen. Historische Urkunden, Karten, Gemälde, Stiche, Fotos illustrieren geschichtliche Wendungen mit allen Härten von Krieg, Pest, Brand und gemeinschaftlicher Kraftanstrengung, sie zu überwinden. Naturschönheit kontrastiert mit mühsamer Arbeit, originäres Brauchtum mit aufkommendem Tourismuskitsch.

Dem stehen naive, bisweilen fast ikonenhaft abstrakte Bilder gegenüber, gemalt nur selten von Bauern, oft von Handwerkern, Textilarbeitern, Knechten, Hausierern oder Taglöhnern. Aus der Hand begabter Dilettanten entstanden Auftragsarbeiten für Wohlhabende, sie idealisieren Besitz und Feste. Alltagsnöte, Schicksalsschläge finden sich in diesen aufgeräumt wirkenden Bildern nicht – aber vielleicht ziehen sie Betrachter genau deshalb an.

Hans Büchler hat zur Entwicklung der Bauernmalerei einen klugen Essay verfasst, eine Auswahl von Bildern mit Kurzbiographien der Künstler folgt, ein amüsantes „Appenzeller ABC“, Anmerkungen und reichlich Literaturhinweise. Die vergnügliche und anregende Lektüre weckt Lust auf eine Reise zum Säntis, in die Städte und Dörfer ringsum – vielleicht zum nächsten „Öberefahre“, – also zum Almauf- oder Abtrieb. Abhalten könnte einen nur der Hinweis des Sachsen Zschokke, der schon 1836 feststellte, Appenzell sei ein wahrer Liebling aller in- und ausländischen Reisenden geworden.

Wer Touristenandrang meiden will, kann das vielleicht in der Sonderausstellung „Heimat Alpstein“ im Konstanzer Rosgartenmuseum. Sie ist noch bis 30. Dezember 2017 zu sehen; das Buch dient zugleich als Katalog.

„Heimat Alpstein – Appenzeller und Toggenburger Bauernmalerei“ Südverlag Konstanz 2017, 208 Seiten, ISBN 978-3-87800-106-5, 19,90 €

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