Diorama statt Gruselkabinett

DDR_Guide

Dass die DDR aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden sei, kann wahrlich niemand behaupten. Ebensowenig allerdings, dass mit der umfänglichen wissenschaftlichen Dokumentation – seit 1990 um freie, unzensierte Forschung an zahllosen Akten bereichert – auch das Allgemeinwissen über den SED-Staat gewachsen ist. Vor allem in der jungen Generation gibt es – das legen Studien nahe – kaum Vorstellungen vom Alltag im “real existierenden Sozialismus”. Die Wahrnehmung wird sowohl von popanzhafter Überzeichnung der “Stasi-Macht” verstellt wie von Verniedlichungen des  Boulevard und der Ostalgie.

Wer es genau wissen will, kann sich inzwischen durch Literaturberge lesen, die sachkundige Zeitzeugen und Wissenschaftler aufgetürmt haben. Wer nur etwas Anschauung von Kindheit, Jugend, Arbeitswelt, Politik, Medien und Kultur vor allem der späten Honecker-Ära gewinnen möchte, sollte sich in die Ausstellungsräume des Berliner DDR-Museums am Spreeufer gegenüber dem Dom begeben. Die zugehörige Publikation, der “DDR-Führer”, ist erfreulich gut lesbar, übersichtlich und mit Engagement gestaltet. Er ist gerade, überarbeitet und erweitert, in 2. Auflage erschienen.

Wie Menschen sich auf sehr deutsche Art in einer Diktatur einrichten, wie sie sich arrangieren, wie sie improvisieren, um dem Mangel abzuhelfen, wie sie kollektivistischen Zielen persönlichen Nutzen, sogar einige Freiräume abgewinnen, wie sie tricksen, kungeln, sich ducken, heimlich Regeln umgehen und Grenzen verschieben – davon bekommt der Leser einen Eindruck. Es ist eine Art Alltags-Diorama, durchaus unterhaltsam und, für alle, die sich darauf einlassen können, ein Schritt ins weitergehende Erkunden historischer deutscher Landschaft.

Die letzten zwanzig Jahre war die DDR für die Mehrheit ihrer Bewohner eine durchaus kommode Diktatur; das wird in der Broschüre spürbar. Lebensfeindlich war sie nur für diejenigen, die nicht bereit waren mitzuschwimmen. Stefan Wolle, Historiker, Wissenschaftlicher Direktor des DDR-Museums und und einer der Autoren, hat das selbst erfahren. Wenn man will, kann man die DDR-typische Anpassungsbereitschaft der Mehrheit, den Glauben an kollektivistische Verheißungen von “Vollbeschäftigung”, sozialer Gleichheit, Versorgung mit Kindergärten und Kinderkrippen als nachwirkende Droge einer als fürsorglich getarnten totalitären Herrschaft erkennen. Die Kehrseite des sozialistischen Staates war, alles Widerständige, Unangepasste, Eigensinnige auszugrenzen, kritische Köpfe als Querulanten und Nestbeschmutzer zu denunzieren, Rechte des Einzelnen gegen die Macht der Institutionen zu eliminieren. Die bequeme Konformität machte es der SED und ihrer Stasi lange Zeit möglich, Konflikte unter dem Teppich zu halten.

Eigentlich ist es gar nicht hoch genug zu schätzen, wenn Diskussionen beim Besuch der Ausstellung und bei Lektüre des “DDR-Führers” auf Karriereopportunismus und Konformismus zu sprechen kommen. “Hätten wir’s uns bei Aussicht auf eine halbwegs sichere ‘Lebensplanung’ nicht womöglich auch in der Planwirtschaft bequem gemacht?” ist eine unbequeme Frage. Es ist nämlich ein in diesen Tagen der Finanzkrisen leicht zu bezweifelndes Missverständnis, dass Freiheit und Demokratie ohne subjektives Bemühen in die Welt kommen.

Ein Blick in die Zukunft

 

kosmos_200Die Aktualisierung der 2006 erschienenen Texte geht voran – aber sie kann dem Tempo mancher Entwicklungen kaum folgen. Das ist nicht schlimm, weil das Buch von Anfang an Unvollkommenheit und Ergänzungsbedürftigkeit zum Programm machte. Viele zweckmäßige Gedanken sind in andere Publikationen eingeflossen, die Diskussionen vor allem über “Die Erschaffung des AnGestellten” waren und sind dramatisch. Hier noch einmal der Hinweis aufs Wichtigste – und im öffentlichen Diskurs unbewältigte.

Es dauerte lange, bis die Erkenntnis allgemein anerkannt wurde, dass die Sonne nicht um die Erde kreist. Die Macht des Augenscheins und der Umgangssprache lassen sie aber immer noch auf- und untergehen. In der Psychologie und in den Sozialtheorien behaupten sich ebenso hartnäckig Standpunkte, die Verhältnisse zwischen Menschen mechanisch durch Ursache und Wirkung verknüpfen, obwohl deren Dynamik nicht weniger komplex ist, als die Physik der Elementarteilchen oder des Kosmos. Vor einiger Zeit begann auch in der Psychologie ein Paradigmenwechsel. Das Buch will neue wissenschaftliche Sichtweisen mit der Alltagserfahrungen verknüpfen. Die Fehler des alten Denksystems und der Verhaltensschemata, die immer wieder kausale „Sonnenaufgänge“ suggerieren, werden deutlich und praktische Anregungen für einen anderen Umgang mit Konflikten zwischen Lehrern und Schülern, Verkäufern und Kunden, Medizinern und Patienten, Juristen, Managern, Politikern und Journalisten oder einfach zwischen Eheleuten oder Eltern und Kindern auf unterhaltsame Art vermittelt.

Dirk Eidemüller: Das nukleare Zeitalter

Die Diskussion um das Thema Kernenergie ist in Deutschland nicht erst seit der “Energiewende” vergiftet. Gegner und Befürworter treffen sich höchst selten außerhalb ideologischer Schützengräben, der Öffentlichkeit bleibt weitgehend unbekannt, was jenseits “schotternder” Chaoten, der Polizeiaufmärsche bei Castor-Transporten und hysterischer Atomtod-Szenarien, also in der Welt forschender, besonnener und kritisch fragender Wissenschaftler, Ingenieure, Unternehmer verhandelt wird. Politiker ziehen hierzulande die Köpfe ein, weil sie um Wählerstimmen fürchten, wenn sie in den Verdacht geraten, der Kernkraft eine Zukunft zuzugestehen; nur wenige Journalisten beteiligen sich nicht am Wiederkäuen ritueller Pro- und Kontraphrasen.

Dirk Eidemüller ist zu danken, dass er dem Getöse der Affekte und den ideologischen Nebelmaschinen mit seinem Buch den Stecker zieht.

Er erläutert gründlich, mit großer Sachkenntnis, vielen interessanten Details den Werdegang, die Technik, den Nutzen und die Gefahren der Kernspaltung. Er beschönigt nicht und lässt nichts weg, er liest der Profitgier die Leviten, der organisierten Verantwortungslosigkeit, in deren Folge es zu Havarien, Unfällen, gar Katastrophen kommt, er macht klar und verständlich, dass die Kernspaltung einen ökonomischen, ökologischen und politischen Markstein ohnegleichen in der Geschichte der Menschheit bedeutet. Wer Energie aus Atomreaktoren ablehnt, kann sich angesichts der von Eidemüller zusammengetragenen Kenntnisse bestätigt sehen – allerdings nur, wenn er entscheidende Fragen ausblendet, die nachfolgende Generationen betreffen. Der “sofortige Ausstieg” nämlich ist unter allen Lösungen des Problems “Atommüll” die am wenigsten nachhaltige. Er bedeutet, unseren Nachkommen eine “strahlende” Hypothek, Millionen Jahre lang tickende Zeitbomben in “Endlagern” zu hinterlassen, statt die Möglichkeiten besserer Entsorgung radioaktiver Isotope etwa durch Transmutation zu entwickeln.

Dirk Eidemüller bringt das auf ein paar Sätze, die allen ins Stammbuch geschrieben sein mögen, die ihren Platz im Anti-Atom-Schützengraben als Zukunftsoption für ihre Kinder betrachten: “In nichttotalitären Gesellschaften kann nicht immer ein Konsens erzielt werden; auch nicht darüber, was man unter Verantwortung gegenüber kommenden Generationen verstehen kann. Man sollte künftigen Generationen also zumindest die Möglichkeit geben, unsere Entscheidungen rückgängig zu machen.”

Es ist ein sympathischer Zug dieses Buches, dass es sich auf keine Seite schlägt, sondern das für und wider sorgsam darstellt, dass es uns die Chance einräumt, mit Erfindergeist und demokratischer Kultur die Schützengräben von heute zur historischen Erfahrung zu machen.

Dirk Eidemüller “Das nukleare Zeitalter – Von der Kernspaltung bis zur Entsorgung”

S. Hirzel Verlag 2012.
ISBN 978-3-7776-2181-4

Wellness auf Rationen

schaufuß

Schon bei flüchtiger Durchsicht dieses Buches zieht man vor dem Autor respektvoll den Hut: Thomas Schaufuß, geboren 1949 in Leipzig, hat eine eindrucksvolle Arbeitsbiographie Ost, und er hat sich mit fast vierzig nach seiner Ausreise aus der DDR nicht nur als Unternehmer behauptet, er hat auch geforscht, studiert, gesammelt, sich Wissen für seinen zeitgeschichtlich bedeutenden Text angeschafft. Der Titel klingt nach Kunstleder: “Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR – Sozialtourismus im SED-Staat”, von 470 Seiten bestehen gut die Hälfte aus anhängenden Dokumenten und der Bibliographie, aber nicht nur Fachleute kommen bei der Lektüre auf ihre Kosten: Geschichte und Geschichten des gewerkschaftlich organisierten Urlauberwesens ergeben ein vollständiges und facettenreiches Bild, es wird durch zahlreiche historische Illustrationen noch anschaulicher.

Die Archivalien der DDR–Gewerkschaft – Berge von Papier – stellten den Autor vor Probleme: sie sind zwar seit 1990 zugänglich, aber unsystematisch abgelegt, kaum erschlossen, und Statistiken aus dem SED-Staat sind mit Vorsicht zu genießen: Schlamperei und Schönfärberei gehörten zum Geschäft. Es gelingt ihm trotzdem, den Weg von den Anfängen der Erholungsheime für Arbeiter, vom offiziellen Vorbild in der Sowjetunion über das “heimliche Vorbild” KdF – “Kraft durch Freude” – den organisierten Arbeitnehmertourismus im Dritten Reich – bis zu den wachsenden Dienstleistungen des FDGB in den 80er Jahren nachzuzeichnen.

Schaufuß beleuchtet die Finanzierung, die politisch-ideologische Ausrichtung, das Kulturangebot, das Verteilungssystem mit seinen Kungeleien und Ungerechtigkeiten, Privilegien von SED- und Stasi-Kadern, er beschreibt Kreuzfahrten mit der “Völkerfreundschaft”, mit dem vom ZDF 1985 erworbenen vormaligen “Traumschiff” “Arkona”, er belegt, wie diese Schiffe das System strapazierten. Er berichtet über die Überwachung von Touristen aus dem Ausland in FDGB-Heimen und – pars pro toto – über die letzten zehn Jahre im relativ neuen und gut ausgestatteten FDGB-Heim “Fichtelberg”. Dort, im Erzgebirge, war Schaufuß jahrelang gastronomischer Direktor. Er erlebte, wie die Ansprüche der Gäste an die Qualität von Übernachtungen und Verpflegung wuchsen, die Mangelwirtschaft der DDR dem politisch motivierten Versorgungsauftrag aus dem Politbüro aber immer weniger gerecht wurde. Er kennt Freuden und Leiden des DDR-Urlaubers aus nächster Anschauung, er hat den Spitzelapparat erlebt und schließlich das Scheitern der “Fürsorgediktatur”. Thomas Schaufuß kennt sich aus mit ihren inneren Widersprüchen, mit der relativen Stabilität, den Verklärungsversuchen, den hartnäckig fortexistierenden Seilschaften.

Soll ich anmerken, dass die Sprache des Autors bisweilen seine Jahre in der DDR-Wirtschaft durchscheinen lässt, die Mitarbeit in Facharbeitsgruppen der FDGB-Führung etwa, weil sie hölzern daherkommt, als “Normsprech”, mir selbst noch in unangenehmer Erinnerung? Dies mindert die Qualität des Buches schon deshalb nicht, weil der Autor Qualität durch Genauigkeit erreicht, sich jeglicher Eitelkeit ebenso enthält wie der Versuchung persönlicher Abrechnungen – und genau deshalb sehen ganze Verlagsjahrgänge ostalgischer Verklärungsliteratur neben diesem Buch einfach wie Altpapier aus .

Thomas Schaufuß  Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR.Sozialtourismus im SED-Staat. Mit Geleitworten von Vera Lengsfeld / Klaus Schroeder.Tab., Abb.; XXIV, 469 S., Verlag Duncker & Humblot, Berlin  38,80 € oder als E-Book lesbar bei paperc.de

“Masken der Macht …

… Gesichter der Ohnmacht” heißt ein Workshop, in dem das untergegangene System und der in Vergessenheit geratene Alltag der DDR zu erleben ist – für alle, die im Westen aus sicherer Entfernung zusahen, für alle die zu jung sind für eigene Erfahrungen mit SED und Stasi, mit Schulen, Arbeitswelt, Karrieren und Konflikten des Ostens.

Die meisten können sich nicht vorstellen, dass Ärzte, dass Krankenschwestern nicht mehr den elementaren Verpflichtungen ihres Berufsstandes folgen und Patienten als hilfsbedürftige Menschen behandeln. Sie können sich nicht vorstellen, dass Ziel einer Behandlung nicht Heilung ist, sondern nur und ausschließlich die Fortsetzung von Verhören, der Erfolg von Maßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit “im Dienste der Arbeiter- und Bauernmacht” gegen vermeintliche Staatsfeinde, deren einziges Vergehen meist darin bestand, dass sie nicht länger DDR-Bürger sein mochten, dass sie der Heilslehre der Kommunisten nicht folgten.

Der Workshop verschafft jedem, der sich darauf einlässt, einen Eindruck davon, wie aus Menschen nummerierte Objekte, wie aus Angestellten Folterknechte, wie aus Therapien Verhörmethoden werden.

Im November ist ein Buch erschienen, das historische Fakten dazu aufarbeitet.

Peter Erler und Tobias Voigt haben die Geschichte des Stasi-Haftkrankenhauses in Berlin-Hohenschönhausen untersucht. Sie zeigen eindringlich, wie aus Ärzten Hilfskräfte psychischer und physischer Folter werden, wie Mediziner aus Karrieregründen den Hippokratischen Eid brechen, Psychologen helfen, den seelischen Widerstand von Gefangenen zu zerstören, Krankenschwestern mittels kollektivem Druck dazu gebracht werden, jegliche Regung von Mitleid zu blockieren. Sie alle legen die Masken der Macht an, sie treten den Leidenden als anonyme Vollstrecker eines Machtwillens gegenüber, der jeden Widerstand ersticken soll, der den Gedemütigten die medizinische Behandlung als gnadenhalber verabreichte Notration für sozial Geächtete erscheinen lässt.

Die Autoren haben genau recherchiert; sie lassen Menschen zu Wort kommen, die unheilbar verletzt sind an Leib und Seele. Jeder Einzelne hätte verdient, gehört zu werden – stattdessen dröhnen in den Medien, subkutan begleitet durch unterhaltenden Ostalgiekitsch,  die Schwadroneure des Sozialismus: als sei nicht das rechte und linke Handwerk der Menschenverachtung in diesen Krankenstationen zwischen Hohenschönhausen, Workuta, Sachsenhausen, Santiago de Chile, ein für alle Male in Beton, Stacheldraht, Überwachungs- und Zersetzungstechnik verewigt.

Die Täter, Täterinnen schweigen – bis auf wenige. Sie wollen gesichtslos bleiben, sie wollen die Masken der Macht nicht abstreifen. Sie dürfen sich leider darauf verlassen, dass ihre Rechte mehr zählen als das Anrecht der Opfer auf Offenbarung, auf Reue, auf einen sozial heilsamen Kniefall. Wer Reue verweigert, ohne Gesicht leben will, den schützt der Rechtsstaat. In den Kulturen Asiens ist Leben mit verlorenem Gesicht eine furchtbare Strafe.

“Medizin hinter Gittern” ist mehr als ein Bericht über den Missbrauch medizinischer Kompetenz durch den SED-Staat. Das Buch fragt eindringlich – nicht nur Ärzte – wohin sich unsere Aufmerksamkeit richtet: auf die Gesichter der Ohnmacht oder auf die Masken der Macht.

Tobias Voigt, Peter Erler “Medizin hinter Gittern: Das Stasi-Haftkrankenhaus in Berlin-Hohenschönhausen” Jaron Verlag 2011, 95 Seiten, 12 €

Führung: Wechselspiel statt Weisung

 

„Gedankenfreiheit“ – ist das ein dem Menschen zu gestattendes oder zu verweigerndes Rechtsgut, wie Schiller den Marquis Posa fordern lässt?

Ist es eine individuelle, durch Bildung zu befördernde Fähigkeit, wie sie der große „Lexikon-Meyer“ erstrebte?

Geht es nur um die Möglichkeit, seine Gedanken frei äußern zu dürfen?

Womöglich geht es um etwas ganz anderes: darum, das Irren, den Fehler aus der Versagens- und Schamecke zu holen, eigen- und querständiges Denken ohne Rücksicht auf vermeintlich noch so gesicherte Wahrheit schon in der Schule zur Kulturtechnik zu entwickeln.

Womöglich könnte es sich als äußerst fruchtbar erweisen, Konkurrenz und Kooperation nicht als Gegensatz zu sehen, sondern als Erfolgsrezept innerhalb eines Zusammenspiels. In jedem Mannschaftssport kann man erleben, dass der Einzelne durchaus in Konkurrenz zu anderen sein Bestes gibt, dass er aber zugleich auch die Fähigkeit entwickeln muss, die Schwächen anderer zu kompensieren, er muss für die anderen da sein, ihnen zuarbeiten: das trainiert ganz besondere Qualitäten des Einzelnen.

Er muss andererseits allein entscheiden und frei heraus sagen können, wenn er unzufrieden ist – nicht nur zum “passenden Zeitpunkt”: das trainiert ganz besondere Qualitäten der Mannschaft.

Wir leben in einer Zeit, wo die Qualität solcher Organisations- und Kommunikationsprozesse über unsere Zukunft entscheidet. Unter vielen Publikationen zum Thema empfehle ich “Feel it! – So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen” von Andreas Zeuch und “Affenmärchen” von Gebhard Borck.

Die Krisen der Finanz-, Wirtschafts- und Bildungseinrichtungen, die Handlungsunfähigkeit der Politik verlangen nach neuem Denken, nach Transparenz, nach verantwortungsbewusstem Handeln des Einzelnen anstelle weisungsgebundener Verantwortungslosigkeit in undurchsichtigen Apparaten.  Die Konflikte unserer Welt sind nicht lösbar, so lange nur die Geldmaschinen am Laufen gehalten werden. Und die Lösungen liegen nicht auf der Straße.

Prügelnd und singend im Folterknast

“Konterrevolution” ist der Spitzname des Dichters bei seinen Zellengenossen, die Gefängniswärter heißen “Regierung Liu” oder “Regierung Tong”. Diese amtlich ermächtigten Sadisten mit ihren Elektroknüppeln lassen den wegen seiner Proteste gegen das Massaker auf dem “Platz des Himmlischen Friedens” eingesperrten Liao Yiwu deutlich spüren, dass ihnen ein politischer Gefangener gerade so wenig bedeutet wie ein Krimineller, wenn sie ihre Lust an der Demütigung Gefangener ausleben. Tagelang werden die Hände von Inhaftierten auf den Rücken gebunden, so dass sie beim Essen und Stuhlgang auf andere angewiesen sind, zwei Zellengenossen werden aneinander gefesselt, gegenseitigem Hass und Drangsalen des Überlebens in einer Rotte von Todeskandidaten, Mördern, Dieben, Vergewaltigern ausgeliefert. Zwischen Körperdünsten, Exkrementen, Schmutz, Läusen wird jede Privatheit zerstört, eine Hierarchie der Verbrecher bildet sich und nimmt den Wärtern die Arbeit ab. Nur wenn die Prügel- und Foltergeräusche im staatlichen Vollzug allzu auffällig werden, greifen sie mit dem Elektroknüppel ein.

Es gibt eine “Speisekarte” der Folterpraxis von Häftlingen untereinander, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt: “Bärentatzen-Tofu” und “beidseitig in Öl bräunen” etwa, also heftige und anhaltende Schläge mit der flachen Hand auf Brust und Rücken können tödlich sein; “Rachengeschnetzeltes, weich” bedeutet das Einschlagen des Kehlkopfs mit der Handkante. Liao Yiwu überlebt, weil er sich nach Kräften wehrt, prügelt, seinen Starrsinn mit wochenlangen Fesselungen büßt, er ist dem Selbstmord nah, aber er gewinnt auch den Respekt der anderen Strafgefangenen, und selbst in dieser Hölle gibt es Momente der Menschlichkeit, der Hilfsbereitschaft. Es gibt sogar eine eigene Art von Humor in Todesnähe, auf dem Höhepunkt inszenieren die Häftlinge eine Totenfeier für einen der Ihren als Staatsakt nach dem Vorbild der Bestattung von Mao Zedong.

Schlimmer noch als die Brutalitäten im Knast sind sadistische Schreibtischtäter. Der Politkommissar Huang brüstet sich im Vollgefühl seiner von Staat und Partei übertragenen Macht über einen Häftling in der Isolation: “Die ersten beiden Jahre bin ich noch zu ihm in seine Höhle hinabgestiegen, er war bockig und hat keinen Ton gesagt, aber als der dritte Frühling vor der Tür stand, ist er auf allen vieren herumgekrochen, hat Kotau gemacht und um Vergebung gefleht. Der Kerl war fünf Jahre und sieben Monate in diesem Loch, er war ein lebendiges Gespenst und auf beiden Augen blind. Am Ende ergriff er die Gelegenheit, klammerte sich durch das Gitter an meine Beine und hat nicht mehr losgelassen. Aus humanitären Gründen habe ich ihm dann erlaubt, von den Toten aufzuerstehen und in das Licht der Sonne zurückzukehren.”

Die Lust daran, den Stolz, die Selbständigkeit, die Fähigkeit zum Widerstand zu brechen geht mit der Macht in hierarchischen Systemen einher – wer sich davon überzeugen möchte, muss auch hierzulande nicht lange suchen. Aber es gehört leider zum perfekt funktionierenden Verdrängungsgeschehen des Einzelnen wie der Gesellschaft, Opfern gewaltsamer Übergriffe eine Mitschuld zuzurechnen. Deshalb war Liao Yiwu im wirtschaftlich hemmungslos wachsenden China sehr einsam. Und deshalb wird auch hierzulande die Rettung der deutschen Wirtschaftsinteressen für Politik, Medien und eine selbstgefällig über deutsche Probleme schwadronierende Tischgesellschaft im Chinarestaurant wichtiger sein, als was den Deutschen eigentlich jeden Tag in den Ohren klingen müsste: Die Würde des Menschen ist unteilbar. Demokratie wird hierzulande nicht dauern, wenn wir den Preis ignorieren, der anderenorts auf dieser Welt für unseren Wohlstand gezahlt wird.

Das Radiofeature über Liao Yiwu und sein Buch ist zum Hören und Download auf SWR 2 seit 16.12.2011 bereit.

Liao Yiwu “Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen” Übersetzt von Hans Peter Hoffmann, S.Fischer Verlag, Hardcover 580 Seiten, 24,95 €

Als Fernsehen noch Wissen schaffte

Es hat sie einmal gegeben: Fernsehsendungen, die nicht an der Tagesaktualität klebten, die nicht “auf der Aufmerksamkeitswelle surften”, sondern weit ausgreifend Inhalte unterschiedlichster Bereiche von Kunst und Wissenschaft für das Publikum aufbereiteten: zu Hauptsendezeiten.

Es hat einmal Sendungen gegeben, in denen nicht farblose Moderatoren und immer dieselben Talkshownasen wiederkäuten, was auf allen Kanälen zu hören ist. Es waren Sendungen, die vom Erfahrungshintergrund und der Persönlichkeit ihrer Autoren lebten. Sie argumentierten wirklich sachkundig, kontrovers zur Politik, zum Mainstream, sie hatten es nicht nötig ewiggleichen Sozialritualen, einer Dramaturgie konfrontativen Schubladendenkens zu folgen. Das ist lange her. Und es ist schön, dass der Wissenschaftsjournalist Wolfram Huncke mit einem Buch an Heinz Haber und Robert Jungk erinnert. Einige ihrer Streitgespräche über Zukunftsfragen aus den 80er Jahren hat er angeregt, mitgeschnitten veröffentlicht. Sie werden dem Titel des Buches gerecht.

Haber, Physiker, Astronom, “Fernsehprofessor” der 60er Jahre (“Unser Blauer Planet”) und Jungk, Philosoph und Psychologe, Emigrant, Gründer des “Instituts für Zukunftsfragen” sind beide im Mai 1913 geboren, ganze vier Tage trennen sie – doch waren ihre Biographien höchst verschieden. Ebenso verschieden sind ihre wissenschaftlichen Standpunkte, aber bei aller Kontroverse verbindet sie eine tiefe Freundschaft, beginnend mit einer Begegnung 1949 in den USA, wo der eine als Astrophysiker, der andere als Journalist tätig ist. Haber hält Vorlesungen mit dem Titel “Unser Freund, das Atom”, daraus werden Bücher und eine Fernsehserie, Jungk beschäftigen die Menschen, die Atombomben oder –reaktoren bauen, frühzeitig warnt er vor Gefahren bei der Energieerzeugung, vor den politischen Risiken nuklearer Rüstung.

Die Gespräche zwischen beiden sind lesenswert, weil sie Konfliktkultur beweisen: Freunde streiten – sehr ernsthaft, sehr engagiert, mit großer Sachkenntnis. Aus diesen Gesprächen könnten alle lernen, die heute “gegen Kernenergie” mobilmachen ohne simpelstes physikalisches Grundwissen, dass nämlich Sonnenenergie Kernenergie ist, dass unter der dünnen Haut der Erdkruste gewaltige Nuklearkräfte unseren Planeten am Leben erhalten, dass Radioaktivität ein Grundbestandteil unserer Welt ist, und dass die Frage ihrer technischen Nutzung – wie bei jeder Technologie – eine Frage nach menschlicher Verantwortung, also nach Fehler- und Konfliktkultur ist.

Das Buch schreitet viele Technikfelder ab, nicht nur das der Energieerzeugung. Frisch und lesenswert wirkt es, weil eben viele Fragen bis heute offen sind, die Gedanken der beiden Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts immer noch zur Vertiefung anregen. Es gibt am Ende eine Passage zum Thema deutsche Fernsehanstalten, in der beide ausnahmsweise einmal einig sind – auch der Rezensent muss dem nichts hinzufügen:

Haber: “… heute ist ein verwalteter bürokratischer Apparat mit verhärteten Strukturen anzutreffen. Und: Den meisten fällt nichts Neues mehr ein.”

Jungk: “Nicht nur verhärtet, die Arbeit ist auch durch die Angst geprägt, etwas anderes zu machen als das, was vorgeschrieben ist. … Die Stelleninhaber werden wahnsinnig vorsichtig, die Kreativität erlischt schließlich.”

Haber: “ Mehr noch: Die persönliche Verantwortung verrottet, weil der einzelne nicht mehr zu seinen Entscheidungen und Handlungen zu stehen braucht. Das System trägt schließlich alles. die Mitarbeiter versuchen, im System nicht aufzufallen, und dann kann ihnen persönlich nichts passieren.”

Jungk: “Nur geht auf diese Weise das ganze System irgendwann vor die Hunde. …”

Und damit haben sie den Finger in die Wunde der organisierten Verantwortungslosigkeit gelegt. Solange ökonomische Abhängigkeiten Angestellte in Hierarchien erpressbar machen, so lange Strukturen auf ihre Austauschbarkeit zielen, so lange werden Rückversicherungsverhalten, Intransparenz,  mangelnde Konfliktkultur nicht nur Fernsehanstalten, sondern jedes Unternehmen scheitern lassen. Und genau darum sind Kernkraftwerke heute bedrohlich. Nuklearforschung und Nukleartechnik verlangen das Gegenteil von organisierter Verantwortungslosigkeit – das ist übrigens auch ziemlich genau das Gegenteil des “real existierenden Sozialismus".

Wolfram Huncke (Hrsg.)

Gestern ist heute – Heinz Haber und Robert Jungk im Disput um die Zukunft

Hirzel Stuttgart 2011, 120 Seiten, 19,90 €

Schreibe, um zu überleben – Déjà-vu!

Es war 1985. Mein Versuch, ein Off-Theater in Ostberlin, damals Hauptstadt der DäDäÄrr zu gründen, war von der Behörde verboten worden.

Spinner, Staatsfeind – frei auf eigene Rechnung

Im Tagebuch vom 29. Juli steht:

„Das Gefühl ABSOLUTER SCHUTZLOSIGKEIT als einziger Beleg (und Preis) für moralische Integrität – wie lange hält man das aus?
Entsetzlich: dieses Verwundern der Leute, dass man nicht konform geht, dass man nicht bereit ist, den Preis für Wohlstand und Erfolg zu zahlen. Sie achten – respektieren – nur den ERFOLGREICHEN Künstler, nicht den Künstler. Sie nehmen, was sie zur Selbstbestätigung brauchen und bemerken nicht den Selbstbetrug. (Wie sich unsere Gesellschaft in ihren Elitekünstlern selbst betrügt). Was für eine Verantwortung für die wirklich Großen: Widerstand über jede Koketterie hinaus!”

Das ist – Kernfragen von Uwe Tellkamps „Turm“, dem 2008 mit dem Deutschen Buchpreis bedachten Roman um 23 Jahre vorwegnehmend – ein Kommentar besonderer Art … Und dann fragt sich der nach Hinauswürfen und Verboten zur Untätigkeit Verurteilte, was bleibt:
„Das Wenige, das ich mir auferlege, ist meiner Angst geschuldet, …, die Konfrontation suchen, um nicht vereinnahmt zu werden, …, Leiden, um unempfindlich zu werden (wie unempfindlich bin ich schon?).“
Dann aber steht da mit roter Tinte:
„Verweigerung als die bequeme Möglichkeit, sein Teil Schuld nicht tragen zu müssen?“
Was für eine bizarre Frage angesichts der Tatsache, dass die an Brutalitäten und Rechtsbrüchen Schuldigen sich damals wie heute erfolgreich ihrer Verantwortung entziehen!

Teufel, Hitler, Stalin: Völkerschicksale im Banat

Vielvölkerstaat und Kampf ums Überleben

Vielvölkerstaat und Kampf ums Überleben

Zwischen Dreißigjährigem Krieg, Zuwanderung deutschstämmiger „Donauschwaben“ im 18. Jahrhundert und den Massakern, Vertreibungen, ethnischen Säuberungen des XX. Jahrhunderts spielt der Roman von Catalin Dorian Florescu.
Der Autor ist selbst gebürtiger Rumäne aus Temeschwar (Timisoara), floh mit seinen Eltern vor 30 Jahren in die Schweiz. Die Verbundenheit zu seiner alten Heimat, dem Banat, mit seiner erzwungenermaßen multikulturellen Geschichte ist der Kontrapunkt seines Erzählens. Von November 2010 bis April 2011 war Florescu Stipendiat der Stadt Baden-Baden. „Jacob beschließt zu lieben“ ist sein neuester Roman.
Für die Sendung SWR 2 „Forum Buch“ habe ich ihn gelesen und ein Interview mit dem Autor geführt. Sie steht als mp3-Datei und Manuskript im Internet zum Herunterladen bereit.

„Jacob beschließt zu lieben“ ist im C.H. Beck Verlag erschienen und kostet 19,95 €