Vor der Lesung

rainer_maria_rilke‪#‎Rilke‬ lesen ist…Rilke lesen. Mir fallen keine Attribute ein, weil ich dabei viel mehr erlebt habe, als die so respektvolle wie flüchtige Bekanntschaft mit Gedichten und Blicke auf Biographisches erwarten ließen. Wie dieser Eigenartige durch das Europa des Fin de Siecle zog, russische, französische, schwedische, italienische… Impressionen aufsog und verdichtete! Er hat von sich selbst behauptet, dass er kein Leser sei, es vielleicht erst werden müsse – dazu hatte er keine Zeit. Mit gerade 51 starb er, schon zu Lebzeiten berühmt, und in Furcht vor dem Ruhm:

 

Ich fürcht mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.
Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle Dinge um.

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Schlafen… träumen…

IMG_0317Wie kostbar diese jenseitigen Welten sind. Das Bewusstsein befasst sich dort nur noch eingeschränkt mit unmittelbaren Reizen; es wird vom Unbewussten, vom Erinnern, von Wünschen und Ängsten bewegt. Es muss ihnen folgen in gegenstandslose, phantastische, manchmal furchterregende Geschehnisse. Was im Alltag nicht zu merken ist – dass hinter Entscheidungen nur selten vernünftiges Abwägen steht – wird hier und jetzt universelles Programm. Alles ist möglich. Es muss nur einen Kondensationskeim geben, an den sich chaotisch schweifende Erinnerungen anlagern können, egal ob sie frühkindlichem Erleben oder einer Fernsehserie entspringen. Von diesem Keim aus vernetzen und verweben sich Landschaften, Figuren, Situationen innerhalb von Hundertstelsekunden. Sie sind flüchtig, aber sie können stärker wirken als real Erlebtes.

Hirnforscher wollen aufklären, was da “wirklich” geschieht. Sie wollen mittels hochpräziser Messung elektromagnetischer, hormoneller, zellbiologischer Abläufe die Traum und Gedankenwelten vermessen. Aber dieses “wirklich”  bedeutet doch immer nur, dass aus apparativ begrenzten Methoden des Erfassens von Daten Modelle konstruiert werden. Diese Modelle müssten in irgendeiner Form verifizierbar sein – etwa indem man aus mit ihrer Hilfe entworfenem elektromagnetischen Geschehen einen vorhersagbaren Traum entstehen ließe, also einen Film ins Traumgeschehen einspielte, dem der Träumer nicht entfliehen kann.

So etwas ist der Traum aller Despoten, Geheimdienste, vieler Produzenten mehr oder weniger schlechter Sci-Fi-Texte, Filme, Spiele. Vermutlich steckt schon viel Geld in einschlägigen Forschungen. Ihre Konsequenzen gehen – was  ökonomische und politische Macht anlangt – über Kernkraft, Gentechnik, IT und Internet hinaus. Sie verschärfen alle Fragen nach menschlicher Verantwortung bis tief ins Persönliche. Stirbt infolge solcher “digitaler Transparenz” des Individuums nicht jedes Vertrauen, sogar das zu sich selbst?

Einstweilen freue ich mich an allen Abenteuern, zu denen ich ins Universum der Träume eingeladen – oder sollte ich besser sagen: entführt? – werde. Manchmal freue ich mich auch, von dort unversehrt zurückzukehren in eine Realität voller Überraschungen. Gott sei Dank wird sie sich nie ganz kontrollieren lassen, und das bedeutet: überhaupt nicht.

Wirtschaft und Demokratie – drei Bücher

Wird überhaupt noch darüber gestritten, ob das Ziel eines Unternehmens maximaler Gewinn sei oder seine gedeihliche Existenz als Sozialgebilde?

In mancher Arbeitsumgebung wird darüber nicht einmal gesprochen – darauf deuten zumindest Studien wie der Gallup Engagement Index hin, die Andreas Zeuch am Anfang seines Buches „Alle Macht für niemand“ heranzieht.

zeuch_300dpi_cmykSie besagen, dass ca. 20 % der Mitarbeiter innerlich gekündigt haben bzw. „Dienst nach Vorschrift“ schieben. Während des vergangenen Jahrzehnts seien den Unternehmen dadurch jährlich im Mittel etwa 100 Milliarden € verloren gegangen, rechnet Zeuch vor. Quelle der Unlust und ihrer Folgeschäden – darüber sind fast alle Autoren in den drei hier vorgestellten Bücher mit ihm einig – ist meist der Mangel an Eigenverantwortlichkeit und Mitbestimmung der Beschäftigten. Der Sinn ihrer Tätigkeit hat wenig oder nichts mit eigenen Intentionen zu tun, er geht über den schieren Gelderwerb kaum hinaus, die Strukturen sind hierarchisch – oft wird so vor allem die Verantwortungslosigkeit organisiert. Was daraus wird, zeigt das Beispiel VW – es gibt zahllose andere.

Jedes der drei hier vorgestellten Bücher ist zu empfehlen, gerade weil sie aus sehr unterschiedlichen Positionen zur Sache kommen. Alle können aus denselben Quellen schöpfen, aber Absichten und Vorgehensweisen unterscheiden sich ebenso wie die Aufmachung: Das von Thomas Sattelberger, Isabell Welpe und Andreas Boes herausgegebene „Management-Buch des Jahres 2015“ aus dem Haufe-Verlag ist in Design, Grafik und Druck das aufwendigste.  81VtJOVIYxL„Das demokratische Unternehmen – Neue Arbeits- und Führungskulturen im Zeitalter digitaler Wirtschaft“ versammelt nicht weniger als 27 Autoren mit ausgewiesener akademischer bzw. Management-Erfahrung. Die Arbeitsministerin Nahles steht protokollgemäß voran. Ihr Statement klopft staatstragende Schultern, bleibt schwammig und oberflächlich. Es fragt hauptsächlich nach Rahmen für die digital und global entgrenzte Wirtschaft, also nach der Bestandsgarantie für Posten in Gewerkschaft und Politik.

Thomas Sattelberger, Ex-Manager in einigen globalen Konzernen, interessiert den Leser dagegen gleich mit einem strukturierenden Blick auf Megatrends. Er kondensiert Entwicklungen in Schaubildern, kommt sehr schnell auf die dunklen Seiten digitaler Wirtschaft und Technologien. „Letztlich geht es um die Frage, ob sie zu mehr Demokratisierung führen und bisherige Eliten entmachten oder ob Letztere sogar an Macht gewinnen und die Ökonomie in einer Art kapitalistischer Landnahme von den Menschen Besitz ergreift.“ Spätestens hier darf sich der Leser fragen, wie seine ganz persönliche Rolle in diesem Spektakel aussehen soll. Sattelberger bietet ihm nach einer mit einschlägigen Fachbegriffen gespickten Tour de Force immerhin die Aussicht auf eine – auch dank digitaler Technik – demokratisierte „Arbeitswelt 4.0“ und meldet entsprechenden gesellschaftlichen Bildungsbedarf an.

Auch das Autorenkollektiv um Andreas Boes – es schöpft aus einer großen Zahl einschlägiger Publikationen – sieht die Entwicklung an einer Scheidelinie „Zwischen digitalem Fließband und Empowerment der Beschäftigten“. Es fordert dazu auf, an dieser Linie zu messen, wie Unternehmen geführt werden, insbesondere mit Blick auf neue Techniken und Organisationsformen, etwa flexible Arbeitszeiten. Das folgende Kapitel „Der Blick der Managementforschung“, konstatiert, dass Transformationsprozesse im Gang sind. Isabell M. Welpe und zwei ihrer Kollegen von der TU München haben es verfasst. Sie sehen Transparenz und Partizipation auf dem Vormarsch; sehr kompakt beschreiben sie Wege, Begleitfaktoren, Probleme, die damit einhergehen, wenn Unternehmen demokratische Organisationsformen einführen.

Während ansonsten der Geruhsamkeit deutschen Korporationsdenkens wenig mehr entquillt, als Heere von sprachlichen -ung-Geheuern, geharnischt mit unpersönlichen “Es muss…”-Konstruktionen, während sich jedem Handlungsimpuls also Worthülsen entgegenwerfen und nahelegen: Demokratisieren in Unternehmen ist für die Beschäftigten zu schwer, man muss es dem Management überlassen, setzt sich Shoshana Zuboff von der Harvard Business School konkret mit dem “Modell Uber” auseinander, mit Individualisierung versus “Massen-Bewirtschaftung” und bescheinigt Europa eine Chance, mit “digital disruption” besser zurande zu kommen als amerikanische Wettbewerber – wenn es deren einseitige Profitorientierung vermeidet. Armin Steuernagel bestätigt sie darin mit einem Streiflicht über Geschichte und Rechtsformen von Arbeit und Eigentum.

Das Interessanteste am Buch aber sind zweifellos die Praxis-Beispiele: Berichte aus Unternehmen, die unterschiedliche Wege zur Demokratisierung bereits gehen. Eines davon ist Haufe-Umantis. Es scheint, dass sich der Haufe-Verlag hier eigener Reformprozesse erinnert: Anfang der 2000er Jahre hatte sie der damalige Geschäftsführer Uwe Renald Müller („Machtwechsel im Management“, Haufe 1997, Global Business Book Awards Winner 1997) angestoßen.

Auch Andreas Zeuch führt Haufe-Umantis als Beispiel beachtenswerter neuer Formen in der demokratischen Unternehmensführung an, aber er nutzt andere Erzählformen. Nicht die Insider reflektieren bei ihm eigene Transformationen, Zeuch lässt seinen theoretischen Überlegungen aus dem ersten Teil des Buches – “Provokation” – im zweiten, “Inspiration”, Reportagen und Interviews mit Verantwortlichen folgen. Wer ihn kennt, schätzt seine Eloquenz, er ist ein anregender Gesprächspartner und Autor (“Feel it! – So viel Intuition verträgt Ihr Unternehmen”), und ich persönlich mag seine von Wissen und Erfahrungen befestigte, gleichwohl deutlich subjektive Sicht. Er engagiert sich seit Jahren in “Change”-Prozessen: als Ideengeber, Teilnehmer, Berater und Beobachter, ihn interessiert auch das Scheitern solcher Prozesse – dafür gibt es ein lehrhaftes Exempel – und er hat immer gesellschaftliche Entwicklungen im Auge: Wie kann die Arbeitswelt zur Werkstatt und zum Handlungsort für demokratisches Verhalten werden? Sinnkopplung am Arbeitsplatz könnte den Einzelnen ermutigen, ertüchtigen und erfahren lassen, wie individuelle Möglichkeiten und Gemeinwohl aneinander, miteinander wachsen können.

Teil 3 des Buches – “Aktion” befasst sich mit Haltungen zum Wandel und Instrumenten dafür. Zeuch stellt klar, dass Demokratisierung nur “top down” UND “bottom up” funktionieren kann, dass Bereitschaft zum Rollenwechsel und Konfliktfähigkeit unverzichtbar sind – also geeignete Formen der Kommunikation, letztlich eine Kultur, die Fehler, Missverständnisse, Krisen als Lernprozesse versteht. Dass eine solche Kultur völlig neue Beziehungen innerhalb der Arbeitswelt ermöglicht, individuelle Freiräume schafft und dennoch jederzeit effizienter ist als angst- und kontrollgesteuerte Strukturen und Taktgeber, erörtert auch das dritte Buch:

presse-983Im  bescheidenen Gewand einer Broschüre mit nicht mehr als ein paar Strichmännchen zur grafischen Beigabe und unter Verzicht auf Insider-Terminologie, auf Schlagworte wie “Redundanz”, “Resilienz”, “Prokrastinieren” und anderes, kommen Stefan Fouriers Vorschläge daher, wie sich arbeitende Menschen – egal ob Männer oder Frauen, egal ob an der Basis oder “an der Spitze” – eigener Konflikte, Ängste, Belastungen inne werden und sie meistern können. Mich irritierte zunächst der Titel, denn “schlau” changiert zwischen “intelligent”, “klug”, “listig” und “abgefeimt”. Fouriers Überlegungen – sie gehen darin über „Ratgeberliteratur” hinaus – zielen eher aufs Gescheit werden. Sie sind vor allem ausgegoren: Auf sympathische Weise gesteht der Autor von Anfang an, wie er selbst in die “Perfektionismusfalle” getappt ist, ehe er gescheit wurde; wenn er über wachsenden Leistungsdruck und Komplexität spricht, tut er es aus Erfahrung heraus und gut verständlich. Mir fiel Erich Kästners Wort über Frau Lehmann ein, die so viel liebenswerter und unbeschwerter durchs Leben ginge, versuchte sie nur, statt perfekt die perfekte Frau Lehmann zu sein. So komplex die Welt ist, so komplex ist Jede und Jeder – Vereinfachungen führen nicht weiter, verbünden wir uns lieber mit Komplexität.

Allerdings sind Menschen seit je auf vereinfachende Weltbilder fixiert – seien sie von Priestern im Namen Gottes verkündigt, von Konzernchefs, Despoten oder Medien. Wollen Menschen überleben, wollen sie etwas gelten, müssen sich ihre Selbstbilder möglichst perfekt solchen vom sozialen Umfeld akzeptierten Modellen der Wirklichkeit anverwandeln – mit allen Rollenzuweisungen und Ritualen etwa in einer Konzernhierarchie, sei es bewusst oder unbewusst. Dass jeder von uns die Realität fortwährend miterschafft, dass er bei der Wahl seiner Rolle Freiheiten hat, dass er sie sogar erweitern und wechseln kann, indem er die Kräfte seines sozialen Umfelds zu erkennen, zu mobilisieren, zu nutzen, versteht – das ist eine demokratische Grundidee. Aus ihr resultieren Kommunikation, Lernprozesse, Kooperation – sie stehen in dynamischer Wechselbeziehung zu Konkurrenz, zu Missverständnissen, auch zum Scheitern. Stefan Fourier macht viele interessante Vorschläge zu wachem, offenem Umgang, zu besserer Selbstwahrnehmung, für mehr Freude und Erfolg in der Arbeit bei gleichzeitig schonendem Einsatz eigener Ressourcen. Ohne das Wort “Sinnkopplung” zu benutzen, sieht er in Sinn, Vertrauen, Offenheit, Verantwortung “soziosystemische Erfolgsfaktoren”.

Wenn er dazu empfiehlt, “persönliche Qualitäten für Chaosfitness” zu entwickeln – “Wach, mutig, schnell, diszipliniert, unerschütterlich”, sieht das für mich allerdings nach Actionkino aus. Das Rollenangebot und die persönlichen Stärken von Individuen sind viel reicher und überraschender. Mit von Platon abgeleiteten “Archetypen” – Führer, Macher, Mitmacher und Opponent – versucht Fourier Interaktionen in sozialen Systemen zu erklären, übersieht dabei aber z.B. die Ambivalenz der “Mitmacher”. Er sieht den “Macher”, der zum Kriegstreiber wird, aber nicht den “Mitmacher” im Lynchmob.

Dass ich Fouriers Buch mit Vergnügen gelesen habe, lag aber an solchen Gelegenheiten zum Einspruch weniger als an den vielen Anregungen, an der verständigen und verständlichen Sprache, mit der er sich in den Diskurs um die Arbeitswelt von morgen einbringt. Es will eben nicht perfekt sein. Vielleicht ist es schlau. Gescheit ist es allemal.

Stefan Fourier “Schlau statt perfekt” Verlag Business Village 2015, 204 Seiten, 19,80 €

Andreas Zeuch „Alle Macht für niemand“, Murmann Verlag 2015, 264 Seiten,     25 €

Sattelberger/Welpe/Boes (Hrsg.) “Das demokratische Unternehmen” Haufe Verlag, 310 Seiten, 59 €

Vladimir Sorokin “Telluria”

sorokin_telluriaUnter Theaterleuten in Ostberlin war in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine geläufige Redensart, Einer oder Eine habe “einen Nagel im Kopf”. Solche Figuren fielen dadurch auf, dass sie sich abweichend von der Normalität verhielten. Die Normen setzte eine totalitäre Gesellschaft –  also changierte die Bedeutung der Redensart: Wer einen Nagel im Kopf hatte, konnte ein Psychopath sein, ein Idiot oder jemand, der sich auf irgend mögliche Art und Weise den Regeln, Bedrohungen und Verführungen vermeintlicher Normalität durch skurriles, paradoxes oder sonstwie dekonstruktives Verhalten entzog. Jedenfalls schwang, wenn das Prädikat vom Nagel im Kopf, einem langen gar, oder – Superlativ – einem rostigen, vergeben wurde, weniger Häme als eine gewisse Achtung mit. Der Nagel im Kopf war eine mit kollektiver Erwartung unvereinbare Lebensform.

Vielleicht ist das Sorokins genialer Kunstgriff: Dass in einer zukünftigen Gesellschaft der Nagel im Kopf zur kollektiven Wunschvorstellung werden könnte. Dass in nicht allzu fernen Tagen nach allerlei Kriegen der Eurasier gegen Wahabiten und Salafisten, nach zwiespältigen Bündnissen mit Chinesen sich – in Russland zumal – seltsame neue Kleinstaaten bilden könnten, deren einer im fast unwegsamen Altaigebirge zur neuen Schweiz aufstiege, nicht als Hort des Geldes, sondern als Hort des Tellurs, Rohstoff für einzigartige Nägel. Ein Keil aus dem seltenen Element, kunstvoll eingeschlagen möglichst von Fachleuten, verschafft dem Kopfinhaber das wahre Glück auf Erden. Das Tellur korrodiert, der Nagel “rostet” und entfaltet eine enorm vitalisierende Kraft, leider macht das süchtig. Deshalb mangelt es nicht an Schwarzhändlern, Fälschern und scheiternden Selbstversuchen.

In dieser schrägen Welt, bevölkert von allerlei Chimären, Zwergen, Riesen, Abenteurern, tun die Menschen, was sie schon immer taten, tun und zweifellos auch in hundert Jahren noch tun werden. Sie tun es mit phantastischen Gadgets, einer Art Zauberschwämmen etwa, die “Grips” heißen und das Smartphone in holographische Dimensionen erweitern, sie tun es in verwahrlosten Vierteln oder einsam im Wald. Sorokin erzählt das in mannigfachen Stilformen und Redeweisen,  etwa der eines Kentauren, und ich gestehe, selten in meinem Leben bei einer Lektüre mehr gelacht, den Schmerz hinterm Sarkasmus intensiver gespürt und mich einem eigentlich Fremden näher gefühlt zu haben. Den Reichtum an Einfällen aus dem Russischen ins Deutsche zu retten, bedurfte es eines Übersetzer-Teams. Ich muss nicht alle Namen nennen – sie haben es toll gemacht.

Gern nähme ich diesen Autor unter meine ganz persönlichen Serapionsbrüder auf. Es ist eine Runde, in der E.T.A. Hoffmann gespenstert, Edgar Allan Poe, Franz Kafka und Michail Bulgakow mit Entsetzen Scherz treiben. Noch im erbarmungslosen Buchmarkt überleben sie dank unübertrefflicher Appelle an die Angstlust der Leser, egal ob subtil oder wie  beim Kasperltheater. Natürlich ist “Tellluria” auch voll bitterer Satire. Es schürt die Sucht nach intellektuellen Wechselbädern: Lässt sich der irrationale Mensch am Ende dank einer Heilsgeschichte doch mit der Realität versöhnen?

Erwartet wer eine Antwort? Ein “Utopia” in “Telluria”?  Für den ist, glaube ich, dieses Buch nicht geschrieben. Eher für Romantiker mit einem sehr langen, rostigen Nagel im Kopf.

Vladimir Sorokin „Telluria“ bei Kiepenheuer und Witsch
Aus dem Russischen vom Kollektiv Hammer und Nagel
ISBN: 978-3-462-04811-7
Erschienen am: 01.08.2015
416 Seiten, gebunden, 22,99 €

Zwischen Lebenswillen und Suchtgedächtnis

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Ein bequemer Zeitgenosse war er nicht, der Werbetexter Reinhard Siemes, das merkt man, wenn er sich mit seiner Branche auseinandersetzt. Er kannte die Gipfel beruflichen Erfolgs, stand dem “Art Directors Club” vor, und erlebte Korruption, Intrigen, legte sich mit Auftraggebern an, ertrug finanzielle Durststrecken. Er hat an deutschen Hochschulen unterrichtet, spießt deren Schlendrian auf, veralbert Prominente und Politiker. Wer die 56 Episoden liest, die Siemes aufgeschrieben hat, findet einen satirischen bis sarkastischen Schalk – und einen schweren Trinker.

Auf 45 Jahre seines Lebens schaut der Autor in diesem “autobiographischen Sachbuch” zurück; als er 2011 stirbt, hat er sein Buch abgeschlossen, aber nicht fertiggestellt. Er hätte wohl noch viel zu erzählen gehabt über Zustände in deutschen Kliniken, in denen Alkoholiker wie Aussätzige, nicht wie Patienten behandelt werden, über hilfsbereite und sadistische Pfleger, erfolgreiche und überforderte Therapeuten. Siemes war Alkoholiker, an Leib und Seele erfahren durch zahlreiche Entzüge und ebenso viele Rückfälle. Dass er sie nicht chronologisch erzählt, gibt dem Ganzen zusätzlichen Reiz: In einem Geschehen aus lauter Parabelflügen zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Erfolg und Verlust, Aufschwung und Absturz wechseln die Landschaften und Zeiten, während der Erzähler zwischen Höhen und Tiefen navigiert, uns dabei mit Schnurren unterhält oder auf Bilder beschämenden Kontrollverlusts stößt. Das eindringlichste stammt von einer Freundin, die beschreibt, wie sie Siemes 2007 nach schwerer Trinkerphase vorfand und den halbtoten, stinkenden alten Mann in eine Klinik verfrachtete. Siemes schont sich selbst nicht, wenn er solche Episoden einflicht.

Aber er reflektiert fortwährend, was ihn treibt. Immer wieder führt er fiktive Dialoge mit seinem „Todfreund“, prüft das Für und Wider des Gruppenentzugs bei den Anonymen Alkoholikern oder Synanon, fragt nach der Eigenverantwortlichkeit des Trinkers – und findet keine gültigen Antworten. Auch darin erscheint der Grundkonflikt: Ein Begabter, ein auf Freiheit und Selbstbestimmtheit Orientierter erlebt sich im Erfolg – und stößt an Grenzen, die er nicht verschieben kann. Womöglich zweifelt und verzweifelt er dann mehr an sich selbst als an den Grenzen. Er sucht Trost, er sucht Belohnung beim Suchtmittel. Egal ob Spielsucht, Sexsucht, Drogen- oder Arbeitssucht: Es funktioniert ja, und so päppelt jeder Süchtige sein Suchtgedächtnis. Der Konflikt zwischen Schmerz des Entzugs, nötigem Trainingsaufwand für ein Leben ohne Droge und Verlockung in den Rückfall frisst enorme Energien. Oft zu viel, um beruflich nicht zu versagen, zu viel, um die persönlichen Bindungen an Freunde, Lebenspartner, das Leben selbst nicht zu gefährden. Reinhard Siemes hat trotzdem in seinen letzten Jahren ab 2005 immer noch einmal Neues unternommen: Mit seiner Lebensgefährtin Ika Bratuscha hat er ein Antiquitätengeschäft in dem kleinen Kurbad Rogaška Slatina in Slowenien eröffnet, er hat gedichtet, schließlich seine Erinnerungen niedergeschrieben.

Wer soll dieses Buch lesen? Reinhard Siemes beherrscht sein sprachliches Handwerk, er streut sogar einige humorige Gedichte ein, die Texte sind ohne Schnörkel. In manchem war er seiner Zeit voraus: Die Idee einer Werbung für die Henninger-Brauerei, in der ein künstlich geschürter Zwist der Pils- und der Export-Trinker „viralisieren“ sollte, wurde seinerzeit verworfen, 30 Jahre später von einem Süßwarenhersteller benutzt. Vieles wäre einer Jugend zu empfehlen, die beim Komasaufen im Vergleich zu uns Alten durchaus mithalten, aber auf ein breiteres Spektrum an Drogen, auch an Fürsorge zurückgreifen kann. Sie wird es nicht lesen. Zeitgenossen wie ich werden sich amüsieren, an Siemes‘ Selbstbefragungen interessiert teilnehmen, sich fragen, wie ihre eigenen letzten Episoden aussehen sollten. Irgendwann gibt der Todfreund dem Gevatter die Klinke in die Hand. Nicht nur den Pflegern, Therapeuten und Trinkern sei bis dahin das Buch empfohlen.

Reinhard Siemes „Mein Todfreund der Alkohol“

avedition August 2015

Gebundene Ausgabe, 360 Seiten, 24,90 €

Manfred Bosch (Hg.): Denk ich an den Bodensee…

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Vom Bodensee kann einer nicht genug bekommen, nicht wenn er Naturschönheiten schätzt, schon gar nicht, wenn er erspüren will, wie sich Kultur in Landschaften einschreibt. Die Zahl hier entstandener Fotos dürfte astronomisch sein – keines trifft die Mannigfaltigkeit an Impressionen nur eines Augenblicks am See. Die Menge der Reiseführer, des in jedem anderen Genre über den See Gedruckten ist imposant, es kommt fortwährend Neues hinzu – er wird nie „auserzählt“ sein.

Manfred Bosch hat nun aus Berichten, Anekdoten, Briefen, Gedichten, Artikeln der vergangenen 250 Jahre eine Anthologie kurzer, vielfarbiger Texte zusammengefügt: In „Denk ich an den Bodensee…“ reihen sie sich entlang der Geschichte, öffnen Ansichten der Region ebenso wie Zeitperspektiven zwischen Französischer Revolution, Biedermeier, Industrialisierung, den Kriegen und Krisen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. Bosch erläutert in seinem Nachwort, was die Auswahl bestimmte, und er hält, was er dem Leser verspricht – etwa das „stereoskopische Zusammentreffen“ der Blicke Fremder mit denen Einheimischer.

Ich habe das hübsch gemachte, stabil gebundene Büchlein gern in die Hand genommen, den Pappeinband ziert der fast schon epidemische Blick auf die „Birnau“ in der Abendsonne, es passt in die Jackentasche des Reisenden. Beim Lesen freute ich mich daran, auf bekannte Namen wie James Fenimore Cooper, Victor Hugo, den skilaufenden Ernest Hemingway und – natürlich – die Droste zu treffen; ebenso gern ließ ich mich von Geschichten unbekannter oder vergessener Autoren überraschen: Der gerade vierzehnjährige John Ruskin etwa besucht 1833 mit seiner Familie Schaffhausen, er reflektiert das Gesehene und Erlebte lebhaft und mit erstaunlicher Reife. Der Kalabrese Enzo Posterivo erzählt, wie er 1960 als „Gastarbeiter“ nach Stockach kam.

Zur Sicht der Einheimischen auf Landschaft, Städte und Dörfer kommt immer wieder die fremde, zum Blick auf die Natur der auf wirtschaftliche, soziale, religiöse Besonderheiten. Rilke lauscht in seinem Gedicht „Vision“ auf die Stimme des als Ketzer verbrannten Jan Hus, während er in Konstanz durch nächtliche Gassen streunt, der dänische Kommunist Martin Andersen-Nexö erzählt von der Gründung eines „proletarischen Verlags“ um 1925. Fast gleichzeitig, 1927, sinnt Theodor Heuß der „Frommen Welt“ der Reichenau nach. Sein bedächtiges, einprägsames Reden bleibt unvergesslich.

Philosophen kamen an den See, Künstler, davon manche als Flüchtlinge. Einige lebten zurückgezogen, andere suchten und fanden in Künstlerkolonien Beachtung. Nur wenige dürfte der See nicht „am Haken“ gehabt haben – so nennt es Hermann Kinder im letzten der über 50 Texte. Er fühlt sich hier „fremd daheim“. Und das mag den Widerspruch dieser Region bezeichnen: Sie verzaubert die hier Verwurzelten wie die Zuwanderer, manchmal sogar Touristen.

Freilich: Der See und seine Landschaft leben von den Wetterwechseln, von Lichtstimmungen und Jahreszeiten. Felix Mendelssohn-Bartholdy nimmt uns mit auf einen Fußmarsch durch Sturm und Regen, der ihn ziemlich zerzauste; Anette von Droste-Hülshoff macht sich über ihre eigene Unwetter-Untauglichkeit lustig: Pudelnass hangelt sie sich quer durch die Reben zurück in ihr Zuhause im Schloss zu Meersburg. Victor Hugo schwärmt vom Rheinfall und Hölderlin dichtet in „Heimkunft“ – An die Verwandten:

Warm ist das Ufer hier und freundlich offene Tale
Schön von Pfaden erhellt grünen und schimmern mich an.
Gärten stehen gesellt und die glänzende Knospe beginnt schon
Und des Vogels Gesang ladet den Wanderer ein.

Die Lektüre führt einen mitten hinein in diese einzigartige Welt, auch wenn längst nicht alle Texte bestechen. Deutsch-, Geschichtslehrern und ihren Schülern möchte einer das Buch in die Hand drücken, damit sie ein Curriculum von Lesen und Wandern, Wandern und Lesen begönnen, das ihnen viele farblose Schulstunden ersetzte.

Manfred Bosch (Hg.)
»Denk ich an den Bodensee …« –
Eine literarische Anthologie

Hardcover, 208 Seiten

Johannes Sachslehner: Wien anno 1683

“Ein europäisches Schicksalsjahr” untertitelt der Autor sein Sachslehner1683Geschichts- und Geschichtenbuch – und im Panorama des Geschehens, das er auf knapp 400 Seiten chronologisch entwirft, erscheinen die historischen Bedingungen, die handelnden Personen und ihre Motive sehr einprägsam. Sachslehner legt der zeitlichen Ordnung des Buches einen historischen Kalender zu Grunde: Sambach von Lindelbachs “Kleiner Haus=Gesundheit=Feld= und Kirchen=Calender” gibt einen Begleitton zu den Berichten von Zeitzeugen, Originaldokumenten, Erzählungen, regt die Vorstellungskraft des Lesers an. Er erfährt vom Leben der Bauern im Rhythmus des Kirchenjahres und von den Lostagen, die über das Wettergeschehen und die wirtschaftlichen Aussichten folgender Wochen oder Monate entschieden; er kann ermessen, auf welch schmalem Grat diese Existenzen balancierten und welche Leiden es bedeutete, wenn Tatarenhorden, Türkische und Kaiserliche Heere Felder und Wiesen verwüsteten, Vorräte plünderten, das Vieh wegtrieben. Ist es schon schlimm genug, sich Ohnmacht und Wehrlosigkeit gegenüber Marodeuren vorzustellen, so verstummt einer vor den Gräueln, die Frauen und Kindern widerfuhren.

Sachslehner erzählt die Schicksale einzelner Menschen, die Übermenschliches erdulden mussten. Soldaten, Offiziere, Generäle im Kugelhagel, beim Schanzenbau und beim Sturm auf Schanzen, er schildert trostlose, oft vergebliche Fluchten der Bevölkerung, Seuchen, Hunger, Massaker. Da wird ein Offizier monatelang mit schwersten Verletzungen in Ketten über Land getrieben oder gekarrt, immer wieder misshandelt, doch am Leben gehalten, weil sich die Entführer Lösegelder versprachen. Frauen und Kinder werden gefangen, aufs Blut misshandelt, in die Sklaverei geführt. Wer mit angesehen hatte, wie seine Liebsten gefoltert, vergewaltigt, geschlachtet wurden, selbst aber überlebte: Woraus mag er Mut und Vertrauen fürs Überleben gezogen haben?

Was den meisten von uns nicht mehr vertraut ist, dass sich nämlich fast alles soziale Handeln auf religiöse Bindungen gründet, lässt Sachslehners Text erahnen. Bei Schlächtern und Opfern heutiger Kriege findet sich dieses Verhältnis wieder: Religion liefert den Stoff, der Feindbilder schärft, der Rachsucht, Habgier, Mordlust, Sadismus freisetzt. Aber Religion stärkt auch die Gequälten und Unterworfenen, die Hilfsbereiten, die selbstlosen Retter.

Der Autor zeichnet solche Widersprüche ohne Anspielungen auf Aktualität , erhöht damit den Reiz zeitgenössischer Faksimiles und Bilder, die den Text ergänzen. Er richtet den Blick auf die Verantwortung der Herrschenden – und osmanische wie kaiserliche erscheinen dank vieler biographischer Details näher, greifbar, auch und gerade dann, wenn sie versagen. Das ist eine Qualität dieser Darstellung gegenüber anderen Geschichtsbildern. Spontan kam mir in den Sinn, Johannes Sachslehner habe so etwas wie ein Weblog im Jahre 1683 verfasst, eine sehr farbige und authentische Form, sich dem historischen Geschehen zu nähern. Ich habe das mit Vergnügen und großem Interesse gelesen und die Einladung zum Nachdenken über den Krieg als “Vater aller Dinge” (Heraklit) oder als “Fortsetzung der Politik mit anderen  Mitteln” (Carl von Clausewitz) gern angenommen. Wer gibt heute noch – wie seinerzeit die Osmanen oder Habsburger – offen zu, den Krieg im Namen des Islam oder der katholischen Kirche zu wollen? Aber damals wie heute treibt die Dynamik gegenseitiger Schuldzuweisung, treiben die religiösen, ethnischen, politischen Feindbilder die Wellen von Gewalt Macht Lust empor. Bücher wie dieses helfen zur Einsicht, dass es mehr braucht als Appelle, Gebete und Demonstrationen, wenn künftig verhindert werden soll, dass Anführer von Religionen, Ethnien, Nationen oder anderen Kollektiven den Mob versammeln. Er will jedenfalls und jederzeit vom Terror profitieren.

Das Buch von 408 Seiten ist im Januar 2015 als broschierte Neuauflage im Pichler Verlag erschienen und kostet 18 Euro

Enteignung

Herrenstraße26Die Ängste sind wieder da. Was einem zugeeignet wurde von Vater und Mutter, von Generationen fleißiger, irrender, in Krisen und Konflikte verstrickter Vorfahren, soll weg. Die Bindung an ein Dach überm Kopf soll gelöst, eine Immobilie vermarktet werden. Die festen Mauern sollen sich zu Geld verflüssigen. Ein vertrauter, nur dem Bewohner vertrauter Wert – der des Gebrauchs, des Wohlfühlens und der Geborgenheit – soll verwertbar im Sinne des gleichgültigen Marktes sein, der einer der größten Erfolge der Gattung ist – und ein Schlachtfeld der Begehrlichkeiten von Individuen, Gruppen, Korporationen, denen Heimat nichts bedeutet. Sie rechnen. Sie dominieren. Sie haben elaborierte Rechtfertigungen dafür, Leben seiner Lebensräume zu enteignen – egal ob es Häuser, Dörfer, Städte, Landschaften oder ganze Kontinente sind.

Es sind fast 50 Jahre, dass der DäDäÄrr-Staat meine Mutter und Großmutter vor die Entscheidung stellte, ihr Haus, das Haus meiner Kindheit, samt dem zugehörigen Grund mitten in der Stadt, entweder für einen Pappenstiel zu verkaufen oder enteignet zu werden. Die beiden machtlosen Frauen konnten nicht ahnen, dass die Enteignung die komfortable Lösung war. 20 Jahre später hätte ihnen das eine “Restitution” beschert – und ein Millionenvermögen. Sie hätten kaum Zeit gehabt, in den verbleibenden Lebensjahren diese Millionen auszugeben. Als meine Großmutter 1993 starb, spielte Geld keine Rolle – wie in den Jahrzehnten zuvor. Wir nahmen voneinander Abschied in Liebe.

Meine Mutter lebte ab 1996 – betreut von meiner Schwester – fern jenem Ort, wo die als Verkauf getarnte Enteignung stattgefunden hatte, zur Miete. Die Eigentümerin des Hauses gehört zu den wenigen Menschen mit einer ganz persönlichen Haltung zum Grundgesetz: Eigentum verpflichtet! Sie wurde zur Freundin der Familie – und das Haus war gesegnet. Die alte Dame malte die schönsten Bilder, deren sie fähig war, sie hängen immer noch erheiternd und farbenfroh in Gängen und Treppenhaus. Die Eigentümerin wusch den Zigarettengestank aus den Gardinen ihrer “Mietpartei”, obwohl sie selbst das Rauchen verabscheut.

Ich muss in diesen Tagen meinen Anteil am Haus meines Vaters verkaufen; sein Erhalt übersteigt die finanziellen Möglichkeiten der Geschwister, denen es gehört. Keiner von uns hat die Chance eines “Erwirb es, um es zu besitzen”. Vielleicht war unser Vater zu ehrgeizig, als er baute. Unsere Vorfahren – ihre Geschichte habe ich im “Blick vom Turm” aufgeschrieben – wussten wenig über die Nöte und Bedürfnisse nachfolgender Generationen. Wir müssen ihren Erwartungen nicht gerecht werden. Aber es hinterlässt mir ein tiefes Gefühl von Unbehagen und Trauer, welche Defizite ich den Nachkommen hinterlasse, wenn ich jetzt das Haus meines Vaters verschleudere, “weil der Markt mich dazu zwingt”.

Kunst als Überlebensvorteil

Buchtitel zu "Die Evolution der Phantasie"“Was aber  ist Kunst? Wann ist sie entstanden, wie funktioniert sie und welcher Zweck wird mit ihr verfolgt?”

Diese Fragen stellt Thomas Junker an den Anfang seines Buches und geht ihnen aus der Sicht der Evolutionsbiologie nach. Er lehrt ihre Geschichte an der Uni Tübingen, hat etliche Bücher und Artikel zum Thema veröffentlicht, setzt sich mit “Die Evolution der Phantasie – wie der Mensch zum Künstler wurde” eine umfassende Schau seiner Ansichten und Erkenntnisse zum Ziel. Von ihm zitierte Vertreter einer evolutionären Kunsttheorie versprechen sich von diesem Ansatz nicht weniger als eine “geistige Revolution”.

Erfreulicherweise belässt es Junker bei einer verständigen Argumentation, die den finalen Charakter der Kommunikationsprozesse des Menschen zum Kern hat: Kommunikation – egal ob nonverbal oder verbal – ist eine unverzichtbare Strategie des Lebens, und Kunst ist eine besonders ausgeprägte Form. Sie nutzt alle Mittel und Materialien, die Natur und Kultur bereitstellen; der Künstler gewinnt z.B. an Ansehen im sozialen Umfeld, nicht zuletzt an sexueller Attraktivität. Junker erklärt, wie Kunst Schönheit und Wirkung erheischt – auch durch den Bruch ins Hässliche – und wie sie sich dem Luxus verbindet.

Ebenso erfreulich, dass der Autor kunsthistorische und theoriegeschichtlichen Debatten aufscheinen lässt. Der Leser erfährt, welche Widerstände es zu überwinden galt, ehe dem “Geist der Kunst” sein Körper zurückgegeben werden konnte. Neuere Arbeiten aus der Hirnforschung haben dazu beigetragen, die Annäherung von Natur- und Geisteswissenschaften, Einsichten in das Funktionieren der Kunstmärkte. Wer ein Künstler ist, was für Kunst gehalten wird – darüber entscheiden soziale Interaktionen. Parallelen zum Balzspiel sind im Verhältnis zwischen Künstler und Publikum ebenso häufig, wie an Hassliebe, unterwürfige Verehrung, Eifersucht, Abwendung aus enttäuschter Erwartung gebundenes Verhalten: Kunst handelt von und mit Gefühlen, Wünschen, vorgestellten Zielen. Sie ist zugleich Werkzeug und Tätigkeitsfeld, unberechenbar und unvorhersehbar in ihrem Reichtum an Inhalten, Mitteln und Formen.

Thomas Junker erzählt all das kenntnisreich und mit zahlreichen Beispielen, der Leser kann die eigene Kunsterfahrung prüfen und erneuern, wünschte bisweilen, sich mit dem Autor zu streiten – vor allem da, wo weitergehende philosophische Fragen auftauchen. Bis dahin hat er an den Texten schon viel Vergnügen gehabt, denn das Buch ist bei aller wissenschaftlichen Kenntnis durchaus unterhaltsam.

Es ist im S. Hirzel Verlag in Stuttgart erschienen und kostet 24,90 €

Brüchige Stimmen

abhauenNein: Literatur ist das nicht. Die beiden mit historischen Fotos bedruckten Taschenbücher zeigen ebenso wenig Ehrgeiz auf einen exponierten Platz im Bücherschrank wie ihre Autoren ihn auf Buchpreise haben dürften.

70Meter Angst

Diese Autorinnen und Autoren haben die Geschichte ihrer Konflikte erzählt, Jürgen Kleindienst und Ingrid Hantke vom Zeitgut Verlag haben sie behutsam zur Veröffentlichung vorbereitet, so dass die sehr unterschiedlichen Erzähler-Stimmen erhalten sind, von ihnen ragt keine heraus, fast alle prägen sich ein, keine mag ich einzeln bewerten, es sind Stimmen ihrer Zeit, wie sie auch Steven Spielberg der Nachwelt überliefern wollte, einige sind verstummt.

Hat jemals ein Abschnitt der deutschen Geschichte derart viele Protokolle, Zeugenberichte, literarische Versuche hinterlassen wie die Zeit zwischen der deutschen Teilung und der Gegenwart? Jedenfalls hat kein Genre auf sie verzichtet. Ich habe Feuilleton-Redakteure über die “Flut der DDR-Bewältigungstexte” stöhnen hören, wundere mich beinahe, dass ausgerechnet diese kunstlosen, sprachlich wenig originellen Erzählungen unter den Titeln “Abhauen oder hierbleiben? – Im Konflikt mit dem DDR-System. 1949 – 1961” und “Siebzig Meter Angst – Fluchtgeschichten aus der DDR. 1961 – 1989” mich durchweg interessierten. Die beiden Bändchen sind eine Auswahl aus einem vermutlich viel größeren Fonds, den der Verlag im Laufe der Jahre zusammengetragen hat, und daran hat er gut getan.

Diese Sammlung ist jedenfalls ein Beleg dafür, wie sich Macht, vermeintlich im Besitz wissenschaftlicher Wahrheit, darüber täuscht, was Menschen bewegt. Die Wahnvorstellung, unser Denken, Handeln, unser Glück und Leiden an Plänen ausrichten zu können, trifft auf eine Mannigfaltigkeit persönlicher Lebensentwürfe, an der sie scheitern muss. Manche dieser Entwürfe in den beiden hier vorgestellten Büchern sind mitleiderregend schlicht, viele liegen mir, dem Leser, fern. Einige haben Motive und Dimensionen die an Assange, Manning, Snowden erinnern. Aber nicht das verleiht den Erlebnisberichten ihren überzeitlichen Wert. Er liegt in Kräften, die Menschen unterschiedlichster Herkunft, Hautfarbe, Religion, Bildung unabhängig vom Geschlecht oder Lebensalter verbindet: sie wollen frei und selbstbestimmt über ihren Weg entscheiden, sie wollen ihn unter Schmerzen gehen oder leichtsinnig, von Zorn getrieben oder von der Liebe, von Einsichten oder weil sie einfach nicht wissen, dass Sprengminen Hackfleisch aus ihnen machen oder die Schussbereitschaft “bewaffneter Organe” mit anschließender Kremierung sie als Aschehäufchen zur Familie zurückbringen könnte. Fehlte ihnen die Phantasie über mögliche Folgen einer Flucht?

Was den Wert dieser Bücher ausmacht: Mehr als jede “Phantasy” zeigen sie die Phantasielosigkeit der Herrschenden, mehr als jeder noch so ambitionierte Krimi aus ewiggleichen Versatzstücken lassen sie einen spüren, dass wahres Leben immer und immer wieder nur das eigene ist, dass noch so Unterhaltsames, “spannungsvoll” Zurecht-Gemachtes meist nichts als den Ritualen ordnungsmächtiger Verblödung dient.

Nach Lektüre der beiden kargen Taschenbücher lasse ich mit mehr Bewusstsein alles links liegen, was auf gutes Feeling in der Vermarktungsgemeinschaft der Bestseller von Krimis, Horror, Phantasy, History, sonstigen Preisträgern im Dienste konformer Monokultur zielt oder – ganz einfach – all das, was unter der Last ihrer traurigen Existenz leidende Feuilletonredakteure für wichtig ausgeben.

 

“Abhauen oder hierbleiben? – Im Konflikt mit dem DDR-System. 1949 – 1961” und “Siebzig Meter Angst – Fluchtgeschichten aus der DDR. 1961 – 1989”, Zeitgut Verlag Berlin 2013, zusammen 13,80 €