Hans Zengeler „Die größte Liebe aller Zeiten“

BlochIIDer vertraute Ton ist gleich da: Die Selbstironie des Romans „Traumtänzer“ von 1993, der sich und andere gern ins erzählerische Spiegelkabinett hinein lockt, ihm bei Alfanzereien zuzuschauen, der eigenen Zerrbilder gewahr zu werden, Alltagskleider in närrische Kostümierungen verwandelt zu sehen. Der „Traumtänzer“ drehte Anfang der 70er und 80er Jahre seine Pirouetten, Zengeler lässt nun dieses literarische Alter Ego als seinen Helden Joseph Bloch wieder auftreten im jüngst Vergangenen: 2009 erschien „Bloch I“, „Gestorben wird später“; wir erleben ihn als Alternden. Von Krankheit und Todesangst ins Bockshorn gejagt, findet er dank seiner Frau Ira heraus aus dem Lamento.

Als „Bloch II“ war der weiter führende Roman „Die größte Liebe aller Zeiten“ angekündigt. Er singt das Hohelied auf Ira, ist Ballade und Lobgesang für eine Frau, die vor allem zuhören kann, sich niemals nach vorne spielt, aber ein Gespür für Leiden, Bedürfnisse, Untiefen eines Mannsbildes wie Bloch hat – und eine schier unerschöpfliche Geduld.

Zengeler erzählt in „Die größte Liebe aller Zeiten“ zugleich die Geschichte einer Prüfung. Joseph Bloch wird während einer Reise Iras von Erinnerungen an ein kurzes, aber leidenschaftliches Verhältnis heimgesucht. Bevor er nämlich Ira kennenlernte, hatte er sich unsterblich vergafft, war er von Liebe auf den ersten Blick mit jener sprichwörtlichen Wucht des Blitzstrahls getroffen, von der Literatur seit je Hochspannungen ableitet. Im Jahr 86 taucht, während Traumtänzer Bloch, wieder einmal in prekärer finanzieller Lage, sich als Chauffeur verdungen hat, eine Literaturprofessorin des klangvollen Namens Clara auf, Clara Luzia gar, leider verheiratet mit einem Schwerreichen in Australien, dort Mutter dreier Kinder. Die beiden durchleben eine heftige Leidenschaft füreinander, sie kostet Bloch den Fahrerjob,erhebt ihn dafür in den Rang des Romanciers, auf die Bühne des Ruhms unter Berühmten beim Literaturkongress mit der Traumfrau an seiner Seite, von Applaus umtost. Ihr widmet er sein Werk, beide können sich nicht satthören am eigenen Liebesgestammel, bis der Tagtraum endet, sie wieder im Alltag landen: sie bei Mann und Kindern, Joseph auf einem Berg Schulden.

Von der Liebe bleiben Briefbündel, der Wahn verweht, Ira bietet dem am Weibe und am Literaturbetrieb verzweifelten Obdach und Halt, und während sich Joseph an all das noch einmal erinnert, vergewissert er sich seiner Entfernung zur „größten Liebe aller Zeiten“. Ich lese das als Bruch nicht nur mit der Professorin Clara Luzia, sondern auch mit dem Geschäft des Schreibens. Ich lese, dass sich die Maßstäbe für Größe mit dem Alter verschieben, die größte Liebe nicht die am feurigsten begehrte ist, sondern sich bis zum Ende beweisen muss, weniger an Ruhm und Applaus als an verlässlicher menschlicher Zuwendung und krisenerprobtem Humor. Dann freue ich mich, dass Hans Zengeler das Schreiben sowenig lassen wird wie ich – auch wenn, oder gerade weil wir beide immer wieder lieber Traumtänze aufführen, als uns mit halbwegs ruhigem Dasein als „Rentner mit Grundsicherungsanspruch“ abzufinden.

Unheimliche Heime – ein Roman

Cover des Taschenbuches

Cover des Taschenbuches


In den vergangenen Jahren lasen, hörten, sahen wir immer wieder Berichte aus Alten- und Pflegeheimen: Reportagen oder Insiderprotokolle von schauderhaften Verhältnissen waren das, Geschichten von Übergriffen gegen wehrlose Patienten, von Gewalt und elendem Siechtum, von einsamem Absterben in sterilen oder verwahrlosten Häusern, wo überfordertes, unterbezahltes Personal menschliche Zuwendung durch forsche Sprüche und gnadenlose Routine ersetzt. Man mochte es nicht mehr lesen, hoffte zugleich inständig, dank eigenen familiären Rückhalts oder hinreichender finanzieller Vorsorge die letzten Lebenstage nicht in einer solchen Anstalt verdämmern zu müssen.

Hans Zengeler legt mit “In einer erdfernen Welt” den Beweis vor, dass es in Wirklichkeit nicht so schlimm ist. Es ist schlimmer. Die Heime sind, wie wir sie uns eingerichtet haben. Zengeler führt diesen Beweis anhand eines 69jährigen Schauspielers, der sich, vom Schlaganfall getroffen, an den Rollstuhl gefesselt in einem solchen Heim wiederfindet. Er hat als Held eines Stadttheaters wenig unternommen, menschliche Bindungen zu pflegen; zu spät sieht er ein, dass er damit einem Verhaltensmuster seiner Mutter folgte, die von Menschen unabhängig sein wollte, am Ende vereinsamt starb. Ihm widerfährt nun dasselbe. Er ist abgemeldet. Kein Kollege, kein Freund kommt zu Besuch. Die Ämter haben ihn in Verwahrung genommen. Schreibend, die Verhältnisse um sich herum beschreibend, ringt der halbseitig Gelähmte um sein psychisches Überleben.

Natürlich ist Zengelers Heim auch eine Metapher. Natürlich sind die in der Demenz bisweilen erleuchtet erscheinenden Moribunden keine armen Opfer. Zengeler fühlt mit den in die Erdferne Gesperrten, aber er ergeht sich nicht in Mitleidsritualen. Er sitzt mittendrin, und er führt den Leser hinein, dass er sehe, was das Personal so wenig sehen kann, wie die bisweilen auftauchenden, bestürzt, befremdet, peinlich berührt – jedenfalls hilflos – reagierenden Besucher: dass sie bald schon selbst da sitzen und einen gelben Fleck an der Wand anstarren könnten, verloren gegangen einer Welt, in der sich alle bemühen, nicht von anderen Menschen abhängig zu sein, statt sich von den Dingen ab- und dem Menschen zuzuwenden. Sie können es sich nicht vorstellen, die Angestellten vom Pflegedienst, die Besucher der “erdfernen Welt”, dass sie selbst als nächste auf der Warteliste für einen Platz darinnen stehen, weil sie ihr menschliches Umfeld mit ihren Gebrechen überfordern könnten. Sie kehren den Wirren den Rücken, schaffen Distanz und beten des Abends zu St. Florian.

Zengeler wäre nicht er selbst, wäre da nicht ein Funken Hoffnung, wären da nicht Lichtblicke menschlicher Nähe, wäre da nicht Bitternis und sarkastische Pointe. Das Buch ist eine ausgezeichnete Altersvorsorge, genauer gesagt: es hält dazu an, fürs eigene Alter vorzusorgen – so lange man sich noch von den Sachen ab- und den Menschen zuwenden kann.