Schreibe, um zu überleben – Déjà-vu!

Es war 1985. Mein Versuch, ein Off-Theater in Ostberlin, damals Hauptstadt der DäDäÄrr zu gründen, war von der Behörde verboten worden.

Spinner, Staatsfeind – frei auf eigene Rechnung

Im Tagebuch vom 29. Juli steht:

„Das Gefühl ABSOLUTER SCHUTZLOSIGKEIT als einziger Beleg (und Preis) für moralische Integrität – wie lange hält man das aus?
Entsetzlich: dieses Verwundern der Leute, dass man nicht konform geht, dass man nicht bereit ist, den Preis für Wohlstand und Erfolg zu zahlen. Sie achten – respektieren – nur den ERFOLGREICHEN Künstler, nicht den Künstler. Sie nehmen, was sie zur Selbstbestätigung brauchen und bemerken nicht den Selbstbetrug. (Wie sich unsere Gesellschaft in ihren Elitekünstlern selbst betrügt). Was für eine Verantwortung für die wirklich Großen: Widerstand über jede Koketterie hinaus!”

Das ist – Kernfragen von Uwe Tellkamps „Turm“, dem 2008 mit dem Deutschen Buchpreis bedachten Roman um 23 Jahre vorwegnehmend – ein Kommentar besonderer Art … Und dann fragt sich der nach Hinauswürfen und Verboten zur Untätigkeit Verurteilte, was bleibt:
„Das Wenige, das ich mir auferlege, ist meiner Angst geschuldet, …, die Konfrontation suchen, um nicht vereinnahmt zu werden, …, Leiden, um unempfindlich zu werden (wie unempfindlich bin ich schon?).“
Dann aber steht da mit roter Tinte:
„Verweigerung als die bequeme Möglichkeit, sein Teil Schuld nicht tragen zu müssen?“
Was für eine bizarre Frage angesichts der Tatsache, dass die an Brutalitäten und Rechtsbrüchen Schuldigen sich damals wie heute erfolgreich ihrer Verantwortung entziehen!

Tanz der Lebensläufer

 

Es hat eine Weile gedauert, ehe ich mich traute, zu diesem Buch etwas zu schreiben.

Als mir Hans Zengeler seinen “Traumtänzer” in die Hand drückte, hatten wir ziemlich viel miteinander geredet und geraucht, wir hatten uns über Vorlieben ausgetauscht und Aversionen, wir wussten beide, dass wir die Texte des anderen schätzen. Wir gehören derselben Generation an, wir haben beide einige Erfahrung in der Rolle des Taugenichts; der eine sein ganzes Leben im Westen Deutschlands, der andere fast zwei Drittel im Osten. Den “Traumtänzer” habe ich gleich im Zug von Ludwigsburg nach Baden-Baden angefangen; es war eine kurzweilige Reise, danach habe ich ihn nicht aus der Hand gelegt, ehe ich Hans Zengeler per facebook mitteilen konnte, wie sehr mir das Buch gefallen, dass ich bisweilen den Eindruck hatte, wir beide haben über all die Jahre von 1968 bis heute aufeinander zu geschrieben. Aus so einer Stimmung heraus kann man keine Kritik schreiben, jedenfalls keine “objektive”.

Daran denke ich auch gar nicht. “Objektivität” ist mir verdächtig. Aber mit dem Abstand von ein paar Monaten habe ich mir das Buch aus dem Jahr 1993 nochmal vorgenommen, das Vergnügen war ungeschmälert, deshalb führe ich hier einfach auf, was mir so sehr gefällt:

Witz und die Selbstironie, mit denen da einer über doppelte und dreifache Böden von Erfundenem und Erlebtem hopst, und wenn die Böden unter ihm bersten – das passiert andauernd –, dann wird das Räderwerk des “geordneten Lebens” sichtbar, ächzt und knarrt. Mich muss keiner dazu agitieren, diesem Räderwerk weiträumig auszuweichen, aber es ist schon was Besonderes, haarklein bestätigt zu bekommen, dass sich Hebel, Zähne, Muttern und Schrauben der Mechanik in Ost und West nur wenig unterscheiden.

Was mir aus der DäDäÄrr-Ferne schon ziemlich eingeleuchtet hatte, seit geglückter Ausbürgerung aus dem “Arbeiter-und-Bauern-Staat” immer deutlicher vor die Linse kam, kriegt in Zengelers Nahaufnahme eine überaus komische, gerade in diesen Tagen brandaktuelle Schärfe: die Revoluzzer von heute sind die Despoten von morgen (naja, das ist jetzt mit all den Erfahrungen von Revolutionen nicht überraschend, wirkt aber in Bezug aufs 68er Personal unwiderstehlich auf die Lachmuskeln).

Fernsehen ist dumm, macht dumm und strebt darin weiter zum Punkt höchster Vollendung.

Wenn einer schon histrionisch begabt ist, sollte er nicht erwarten, in sicheren Fahrwässern schwimmen zu können. Er braucht Strudel, Turbulenzen und Geschichten mit offenem Ausgang – immer neue jedenfalls, mit immer neuen Rollen fürs Ego. Wenn er Glück hat, ist er am Ende. Dann aber zufrieden.

 

Hans Zengeler: “Traumtänzer”

Dahlemer Verlagsanstalt

http://goo.gl/Lwo75