Diorama statt Gruselkabinett

DDR_Guide

Dass die DDR aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden sei, kann wahrlich niemand behaupten. Ebensowenig allerdings, dass mit der umfänglichen wissenschaftlichen Dokumentation – seit 1990 um freie, unzensierte Forschung an zahllosen Akten bereichert – auch das Allgemeinwissen über den SED-Staat gewachsen ist. Vor allem in der jungen Generation gibt es – das legen Studien nahe – kaum Vorstellungen vom Alltag im “real existierenden Sozialismus”. Die Wahrnehmung wird sowohl von popanzhafter Überzeichnung der “Stasi-Macht” verstellt wie von Verniedlichungen des  Boulevard und der Ostalgie.

Wer es genau wissen will, kann sich inzwischen durch Literaturberge lesen, die sachkundige Zeitzeugen und Wissenschaftler aufgetürmt haben. Wer nur etwas Anschauung von Kindheit, Jugend, Arbeitswelt, Politik, Medien und Kultur vor allem der späten Honecker-Ära gewinnen möchte, sollte sich in die Ausstellungsräume des Berliner DDR-Museums am Spreeufer gegenüber dem Dom begeben. Die zugehörige Publikation, der “DDR-Führer”, ist erfreulich gut lesbar, übersichtlich und mit Engagement gestaltet. Er ist gerade, überarbeitet und erweitert, in 2. Auflage erschienen.

Wie Menschen sich auf sehr deutsche Art in einer Diktatur einrichten, wie sie sich arrangieren, wie sie improvisieren, um dem Mangel abzuhelfen, wie sie kollektivistischen Zielen persönlichen Nutzen, sogar einige Freiräume abgewinnen, wie sie tricksen, kungeln, sich ducken, heimlich Regeln umgehen und Grenzen verschieben – davon bekommt der Leser einen Eindruck. Es ist eine Art Alltags-Diorama, durchaus unterhaltsam und, für alle, die sich darauf einlassen können, ein Schritt ins weitergehende Erkunden historischer deutscher Landschaft.

Die letzten zwanzig Jahre war die DDR für die Mehrheit ihrer Bewohner eine durchaus kommode Diktatur; das wird in der Broschüre spürbar. Lebensfeindlich war sie nur für diejenigen, die nicht bereit waren mitzuschwimmen. Stefan Wolle, Historiker, Wissenschaftlicher Direktor des DDR-Museums und und einer der Autoren, hat das selbst erfahren. Wenn man will, kann man die DDR-typische Anpassungsbereitschaft der Mehrheit, den Glauben an kollektivistische Verheißungen von “Vollbeschäftigung”, sozialer Gleichheit, Versorgung mit Kindergärten und Kinderkrippen als nachwirkende Droge einer als fürsorglich getarnten totalitären Herrschaft erkennen. Die Kehrseite des sozialistischen Staates war, alles Widerständige, Unangepasste, Eigensinnige auszugrenzen, kritische Köpfe als Querulanten und Nestbeschmutzer zu denunzieren, Rechte des Einzelnen gegen die Macht der Institutionen zu eliminieren. Die bequeme Konformität machte es der SED und ihrer Stasi lange Zeit möglich, Konflikte unter dem Teppich zu halten.

Eigentlich ist es gar nicht hoch genug zu schätzen, wenn Diskussionen beim Besuch der Ausstellung und bei Lektüre des “DDR-Führers” auf Karriereopportunismus und Konformismus zu sprechen kommen. “Hätten wir’s uns bei Aussicht auf eine halbwegs sichere ‘Lebensplanung’ nicht womöglich auch in der Planwirtschaft bequem gemacht?” ist eine unbequeme Frage. Es ist nämlich ein in diesen Tagen der Finanzkrisen leicht zu bezweifelndes Missverständnis, dass Freiheit und Demokratie ohne subjektives Bemühen in die Welt kommen.

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Prügelnd und singend im Folterknast

“Konterrevolution” ist der Spitzname des Dichters bei seinen Zellengenossen, die Gefängniswärter heißen “Regierung Liu” oder “Regierung Tong”. Diese amtlich ermächtigten Sadisten mit ihren Elektroknüppeln lassen den wegen seiner Proteste gegen das Massaker auf dem “Platz des Himmlischen Friedens” eingesperrten Liao Yiwu deutlich spüren, dass ihnen ein politischer Gefangener gerade so wenig bedeutet wie ein Krimineller, wenn sie ihre Lust an der Demütigung Gefangener ausleben. Tagelang werden die Hände von Inhaftierten auf den Rücken gebunden, so dass sie beim Essen und Stuhlgang auf andere angewiesen sind, zwei Zellengenossen werden aneinander gefesselt, gegenseitigem Hass und Drangsalen des Überlebens in einer Rotte von Todeskandidaten, Mördern, Dieben, Vergewaltigern ausgeliefert. Zwischen Körperdünsten, Exkrementen, Schmutz, Läusen wird jede Privatheit zerstört, eine Hierarchie der Verbrecher bildet sich und nimmt den Wärtern die Arbeit ab. Nur wenn die Prügel- und Foltergeräusche im staatlichen Vollzug allzu auffällig werden, greifen sie mit dem Elektroknüppel ein.

Es gibt eine “Speisekarte” der Folterpraxis von Häftlingen untereinander, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt: “Bärentatzen-Tofu” und “beidseitig in Öl bräunen” etwa, also heftige und anhaltende Schläge mit der flachen Hand auf Brust und Rücken können tödlich sein; “Rachengeschnetzeltes, weich” bedeutet das Einschlagen des Kehlkopfs mit der Handkante. Liao Yiwu überlebt, weil er sich nach Kräften wehrt, prügelt, seinen Starrsinn mit wochenlangen Fesselungen büßt, er ist dem Selbstmord nah, aber er gewinnt auch den Respekt der anderen Strafgefangenen, und selbst in dieser Hölle gibt es Momente der Menschlichkeit, der Hilfsbereitschaft. Es gibt sogar eine eigene Art von Humor in Todesnähe, auf dem Höhepunkt inszenieren die Häftlinge eine Totenfeier für einen der Ihren als Staatsakt nach dem Vorbild der Bestattung von Mao Zedong.

Schlimmer noch als die Brutalitäten im Knast sind sadistische Schreibtischtäter. Der Politkommissar Huang brüstet sich im Vollgefühl seiner von Staat und Partei übertragenen Macht über einen Häftling in der Isolation: “Die ersten beiden Jahre bin ich noch zu ihm in seine Höhle hinabgestiegen, er war bockig und hat keinen Ton gesagt, aber als der dritte Frühling vor der Tür stand, ist er auf allen vieren herumgekrochen, hat Kotau gemacht und um Vergebung gefleht. Der Kerl war fünf Jahre und sieben Monate in diesem Loch, er war ein lebendiges Gespenst und auf beiden Augen blind. Am Ende ergriff er die Gelegenheit, klammerte sich durch das Gitter an meine Beine und hat nicht mehr losgelassen. Aus humanitären Gründen habe ich ihm dann erlaubt, von den Toten aufzuerstehen und in das Licht der Sonne zurückzukehren.”

Die Lust daran, den Stolz, die Selbständigkeit, die Fähigkeit zum Widerstand zu brechen geht mit der Macht in hierarchischen Systemen einher – wer sich davon überzeugen möchte, muss auch hierzulande nicht lange suchen. Aber es gehört leider zum perfekt funktionierenden Verdrängungsgeschehen des Einzelnen wie der Gesellschaft, Opfern gewaltsamer Übergriffe eine Mitschuld zuzurechnen. Deshalb war Liao Yiwu im wirtschaftlich hemmungslos wachsenden China sehr einsam. Und deshalb wird auch hierzulande die Rettung der deutschen Wirtschaftsinteressen für Politik, Medien und eine selbstgefällig über deutsche Probleme schwadronierende Tischgesellschaft im Chinarestaurant wichtiger sein, als was den Deutschen eigentlich jeden Tag in den Ohren klingen müsste: Die Würde des Menschen ist unteilbar. Demokratie wird hierzulande nicht dauern, wenn wir den Preis ignorieren, der anderenorts auf dieser Welt für unseren Wohlstand gezahlt wird.

Das Radiofeature über Liao Yiwu und sein Buch ist zum Hören und Download auf SWR 2 seit 16.12.2011 bereit.

Liao Yiwu “Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen” Übersetzt von Hans Peter Hoffmann, S.Fischer Verlag, Hardcover 580 Seiten, 24,95 €