Brüchige Stimmen

abhauenNein: Literatur ist das nicht. Die beiden mit historischen Fotos bedruckten Taschenbücher zeigen ebenso wenig Ehrgeiz auf einen exponierten Platz im Bücherschrank wie ihre Autoren ihn auf Buchpreise haben dürften.

70Meter Angst

Diese Autorinnen und Autoren haben die Geschichte ihrer Konflikte erzählt, Jürgen Kleindienst und Ingrid Hantke vom Zeitgut Verlag haben sie behutsam zur Veröffentlichung vorbereitet, so dass die sehr unterschiedlichen Erzähler-Stimmen erhalten sind, von ihnen ragt keine heraus, fast alle prägen sich ein, keine mag ich einzeln bewerten, es sind Stimmen ihrer Zeit, wie sie auch Steven Spielberg der Nachwelt überliefern wollte, einige sind verstummt.

Hat jemals ein Abschnitt der deutschen Geschichte derart viele Protokolle, Zeugenberichte, literarische Versuche hinterlassen wie die Zeit zwischen der deutschen Teilung und der Gegenwart? Jedenfalls hat kein Genre auf sie verzichtet. Ich habe Feuilleton-Redakteure über die “Flut der DDR-Bewältigungstexte” stöhnen hören, wundere mich beinahe, dass ausgerechnet diese kunstlosen, sprachlich wenig originellen Erzählungen unter den Titeln “Abhauen oder hierbleiben? – Im Konflikt mit dem DDR-System. 1949 – 1961” und “Siebzig Meter Angst – Fluchtgeschichten aus der DDR. 1961 – 1989” mich durchweg interessierten. Die beiden Bändchen sind eine Auswahl aus einem vermutlich viel größeren Fonds, den der Verlag im Laufe der Jahre zusammengetragen hat, und daran hat er gut getan.

Diese Sammlung ist jedenfalls ein Beleg dafür, wie sich Macht, vermeintlich im Besitz wissenschaftlicher Wahrheit, darüber täuscht, was Menschen bewegt. Die Wahnvorstellung, unser Denken, Handeln, unser Glück und Leiden an Plänen ausrichten zu können, trifft auf eine Mannigfaltigkeit persönlicher Lebensentwürfe, an der sie scheitern muss. Manche dieser Entwürfe in den beiden hier vorgestellten Büchern sind mitleiderregend schlicht, viele liegen mir, dem Leser, fern. Einige haben Motive und Dimensionen die an Assange, Manning, Snowden erinnern. Aber nicht das verleiht den Erlebnisberichten ihren überzeitlichen Wert. Er liegt in Kräften, die Menschen unterschiedlichster Herkunft, Hautfarbe, Religion, Bildung unabhängig vom Geschlecht oder Lebensalter verbindet: sie wollen frei und selbstbestimmt über ihren Weg entscheiden, sie wollen ihn unter Schmerzen gehen oder leichtsinnig, von Zorn getrieben oder von der Liebe, von Einsichten oder weil sie einfach nicht wissen, dass Sprengminen Hackfleisch aus ihnen machen oder die Schussbereitschaft “bewaffneter Organe” mit anschließender Kremierung sie als Aschehäufchen zur Familie zurückbringen könnte. Fehlte ihnen die Phantasie über mögliche Folgen einer Flucht?

Was den Wert dieser Bücher ausmacht: Mehr als jede “Phantasy” zeigen sie die Phantasielosigkeit der Herrschenden, mehr als jeder noch so ambitionierte Krimi aus ewiggleichen Versatzstücken lassen sie einen spüren, dass wahres Leben immer und immer wieder nur das eigene ist, dass noch so Unterhaltsames, “spannungsvoll” Zurecht-Gemachtes meist nichts als den Ritualen ordnungsmächtiger Verblödung dient.

Nach Lektüre der beiden kargen Taschenbücher lasse ich mit mehr Bewusstsein alles links liegen, was auf gutes Feeling in der Vermarktungsgemeinschaft der Bestseller von Krimis, Horror, Phantasy, History, sonstigen Preisträgern im Dienste konformer Monokultur zielt oder – ganz einfach – all das, was unter der Last ihrer traurigen Existenz leidende Feuilletonredakteure für wichtig ausgeben.

 

“Abhauen oder hierbleiben? – Im Konflikt mit dem DDR-System. 1949 – 1961” und “Siebzig Meter Angst – Fluchtgeschichten aus der DDR. 1961 – 1989”, Zeitgut Verlag Berlin 2013, zusammen 13,80 €

Ein Blick in die Zukunft

 

kosmos_200Die Aktualisierung der 2006 erschienenen Texte geht voran – aber sie kann dem Tempo mancher Entwicklungen kaum folgen. Das ist nicht schlimm, weil das Buch von Anfang an Unvollkommenheit und Ergänzungsbedürftigkeit zum Programm machte. Viele zweckmäßige Gedanken sind in andere Publikationen eingeflossen, die Diskussionen vor allem über “Die Erschaffung des AnGestellten” waren und sind dramatisch. Hier noch einmal der Hinweis aufs Wichtigste – und im öffentlichen Diskurs unbewältigte.

Es dauerte lange, bis die Erkenntnis allgemein anerkannt wurde, dass die Sonne nicht um die Erde kreist. Die Macht des Augenscheins und der Umgangssprache lassen sie aber immer noch auf- und untergehen. In der Psychologie und in den Sozialtheorien behaupten sich ebenso hartnäckig Standpunkte, die Verhältnisse zwischen Menschen mechanisch durch Ursache und Wirkung verknüpfen, obwohl deren Dynamik nicht weniger komplex ist, als die Physik der Elementarteilchen oder des Kosmos. Vor einiger Zeit begann auch in der Psychologie ein Paradigmenwechsel. Das Buch will neue wissenschaftliche Sichtweisen mit der Alltagserfahrungen verknüpfen. Die Fehler des alten Denksystems und der Verhaltensschemata, die immer wieder kausale „Sonnenaufgänge“ suggerieren, werden deutlich und praktische Anregungen für einen anderen Umgang mit Konflikten zwischen Lehrern und Schülern, Verkäufern und Kunden, Medizinern und Patienten, Juristen, Managern, Politikern und Journalisten oder einfach zwischen Eheleuten oder Eltern und Kindern auf unterhaltsame Art vermittelt.

Alle Grenzen sprengen – in die totale Abhängigkeit

 

Michael Jackson ist für ihn “Modellfigur”: Rainer Funk entwickelt in seinem Buch “Der entgrenzte Mensch” so etwas wie die Psychopathologie der in digitalen Räumen beheimateten, weitgehend an Quantifizierung von Leistung, Mediengebrauch und Vermarktung ihrer selbst angepassten Persönlichkeit. Das ist nichts anderes als ein Teil unseres “Ich”  – er qualifiziert uns für moderne Arbeits- und Lebenswelten. Rainer Funks Methode, dabei den universellen Begriff von der Grenze als allem natürlichen, allem biologischen insbesondere eigene Begrenztheit zu betrachten, das Überschreiten von Grenzen dialektisch als Naturprinzip zu sehen, sich dann aber den besonderen, dem Menschen durch geeignete Werkzeuge mögliche “Entgrenzungen” zu widmen, führt zu hochinteressanten Überlegungen. Dass der Mensch die biologischen Grenzen seiner Körperlichkeit im Industriezeitalter buchstäblich niedergerissen hat – das Auto, das Fluggerät, der Raumgleiter, die Sattelitennavigation markieren solche Entgrenzungen  – hat ihn nämlich zugleich in wachsende Abhängigkeit vom eigenen Instrumentarium gebracht. So weit, so allgemein dank Vulkanausbrüchen und Stromausfällen beglaubigt.

Was mir an Funks Gedanken gefiel: Wie er nach Folgen einer von allen Realitätsbindungen sich lösenden, mit fortwährend wachsender Genauigkeit Realität simulierenden Technik für die Persönlichkeitsentwicklung fragt. Was geschieht mit Menschen, die in virtuellen Räumen handeln, sich dabei als Helden und Schmiede ihres Glücks erleben können, denen die Macht gegeben ist, ihr persönliches Umfeld zu gestalten, noch dazu in Teams mit anderen vernetzt, also sozial ermächtigt? Welche Rückwirkungen haben die ganz realen Serotoninschübe in der irrealen “World of Warcraft” für den unvermeidlichen Umgang mit einer Realität, in der aus selbst inszenierten Helden wieder Schüler, Studis, Angestellte mit sehr begrenzten Handlungsfeldern und wenig verlässlichen Verbündeten werden?

Beinahe noch frappanter: Selbstdarstellung ist in den virtuellen Räumen des Internets und aller anderen Formen digitalen Personalmanagements schier unvermeidlich. Wie kritisch kann jemand, der sein Selbstbild auf die Wünsche der Dienstleister hin perfekt optimiert, noch mit den eigenen Grenzen umgehen?

Die Psychologie weiß, wie sich durch ständig wiederholte Verhaltensroutinen gewissermaßen “Trampelpfade” in den Vernetzungen des Gedächtnisses bilden. Verhalten wird automatisiert, Sozialverhalten ritualisiert. Dieses “Einspuren” findet beim Handeln in der Realität ebenso wie in der Simulation statt. Für manchen wird es unmöglich, den in der Simulation angelegten Trampelpfad der Wahrnehmung, der antrainieren Handlungsmuster zu verlassen. In virtuellen Räumen hat er sich entgrenzt, mir den Grenzen des Alltags kommt er nicht mehr zurecht.

Michael Jackson hatte in der Welt des Showbiz ein der Realität sehr fernes, schwerelos erscheinendes, ekstatisches Leben; die Medien vergrößerten ihn über alle, dem “Normalo” zugänglichen Dimensionen hinaus, und er erwarb ein Vermögen, mit dem er sich in “Neverland” und dank der plastischen Chirurgie ein ewiges Kinderreich erschaffen wollte – entgrenzt von der Körperlichkeit des alternden Menschen. Natürlich war “Jacko” eine singuläre Erscheinung. Die jungen Männer aber, denen im Virtuellen ein Siegerverhalten anwächst, dessen Anspruch im Alltag scheitert, deren konstruiertes, durch Simulation aber tief verfestigtes Selbstbild ihnen keinen Ausweg mehr aus den Niederlagen der Schule oder der Arbeitswelt zeigt – sie werden aus unauffälligen Naturen zu überdimensionalen Killern, so wie Robert Steinhäuser vor fast zehn Jahren in Erfurt und andere nach ihm.

Dabei, das versteht man spätestens, wenn man Funks Buch liest, sind “Ballerspiele” nicht die Ursache. Sie verhelfen nur zu nachhaltigen Erfahrungen der Entgrenzung. Wer aber im Alltag alleingelassen, im Virtuellen getragen von “communities” erfolgreich trainiert, alle Grenzen niederzureißen, wer der realen Medienverstärkung ins Überdimensionale sicher sein kann, wenn er alle Grenzen in der Realität zerstört, der fragt nicht mehr nach Kollateralschäden.

Rainer Funks Buch ist indessen allen zu empfehlen, die den Umgang mit eigenen Grenzen intensivieren wollen.

“Der entgrenzte Mensch” im Gütersloher Verlagshaus 2011, 240 Seiten, 19,99 €