David Signer: Die nackten Inseln

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Der schwache, unstete, verständnis- und verantwortungslose weiße Mann, in undurchsichtige Geschäfte verwickelt, war Graham Greenes (1904 – 1991) literarischer Wiedergänger. Der Antiheld bewegt sich in Umfeldern, die so exotisch wie schäbig sind, quer über den Globus in Gesellschaft von Agenten, Nutten, Dealern, Diplomaten oder Auftragskillern, durch Millionärsvillen, Kneipen, Bars, Bordelle. Seine Abenteuer, viele – darunter “Der dritte Mann”, “Die Stunde der Komödianten”, “Der Honorarkonsul” – verfilmt, jagen Kinobesuchern oder Fernsehzuschauern wohliges Gruseln über die Nackenhaare. Sie sind beste Unterhaltung und mehr, denn sie hinterlassen tiefes Unbehagen über das, was wir gemeinhin “westliche Zivilisation” nennen, ohne jemals ihre Qualitäten zu unterschlagen, schon gar nicht einer der wichtigsten: Aus Antihelden werden bisweilen Helden, wenn sie ihrem Gewissen folgen und Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.

David Signer folgt mit seinem Roman “Die nackten Inseln” Graham Greenes Vorbild, schreibt dessen spannende Erzählungen in die Gegenwart von Globalisierung und modernen Informationsnetzen fort. Seine Hauptfigur ist ein Schweizer Journalist, einer, der sich zwischen dem Senegal, Nigeria, der Karibik von gefährlichen Aufträgen treiben lässt. Redaktionen in Zürich und München machen Auflage mit seinen Berichten. Er säuft, hurt, lügt, betrügt – anders könnte er den sensationsgierigen Lesern zu Hause nicht den Stoff liefern, nach dem es sie verlangt. Authentisch soll es sein, nahe an allen Schrecknissen der Kriege und des Verbrechens; der bis an die Zähne ver- und gesicherte Bürger muss unterhalten werden.

Dass der Gewissenswurm Signers Antihelden Richard gleich von zwei Seiten attackiert, hält die Geschichte am Laufen – im Zickzack durch Gefahren und Niederlagen: Da ist zum einen die in der Psychiatrie zurückgelassene Lebensgefährtin Johanna, zum anderen das mit einer Afrikanerin irgendwo in Nigeria gezeugte Mädchen Joy – und beide bestimmen immer mehr Richards Denken und Handeln bis an existenzielle Grenzen.

Abgesehen von dem als Showdown inszenierten Schluss auf den Kapverden – den “nackten Inseln” – hat mir Signers Roman durchweg sehr gefallen. Der Autor ist promovierter Ethnologe, kennt sich an den Handlungsorten in Afrika und der Karibik aus (am Schauplatz Haiti beruft er sich ausdrücklich auf Greenes “Stunde der Komödianten”); er zeichnet sie mit klarer Sprache bildkräftig und atmosphärisch, seine Figuren überzeugen, weil er sie nicht verrät, er macht ihre Brüche sichtbar. Viel Spaß hatte ich an einem Feministinnentreffen, bei dem Signer auch Greenes skurrilen Humor erreicht: Wer den Briten mochte, wird den Schweizer Autor mit vergleichbarem Vergnügen lesen.

David Signer: Die nackten Inseln, Roman, Salis Verlag Zürich, 328 Seiten 19,90 €

Prügelnd und singend im Folterknast

“Konterrevolution” ist der Spitzname des Dichters bei seinen Zellengenossen, die Gefängniswärter heißen “Regierung Liu” oder “Regierung Tong”. Diese amtlich ermächtigten Sadisten mit ihren Elektroknüppeln lassen den wegen seiner Proteste gegen das Massaker auf dem “Platz des Himmlischen Friedens” eingesperrten Liao Yiwu deutlich spüren, dass ihnen ein politischer Gefangener gerade so wenig bedeutet wie ein Krimineller, wenn sie ihre Lust an der Demütigung Gefangener ausleben. Tagelang werden die Hände von Inhaftierten auf den Rücken gebunden, so dass sie beim Essen und Stuhlgang auf andere angewiesen sind, zwei Zellengenossen werden aneinander gefesselt, gegenseitigem Hass und Drangsalen des Überlebens in einer Rotte von Todeskandidaten, Mördern, Dieben, Vergewaltigern ausgeliefert. Zwischen Körperdünsten, Exkrementen, Schmutz, Läusen wird jede Privatheit zerstört, eine Hierarchie der Verbrecher bildet sich und nimmt den Wärtern die Arbeit ab. Nur wenn die Prügel- und Foltergeräusche im staatlichen Vollzug allzu auffällig werden, greifen sie mit dem Elektroknüppel ein.

Es gibt eine “Speisekarte” der Folterpraxis von Häftlingen untereinander, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt: “Bärentatzen-Tofu” und “beidseitig in Öl bräunen” etwa, also heftige und anhaltende Schläge mit der flachen Hand auf Brust und Rücken können tödlich sein; “Rachengeschnetzeltes, weich” bedeutet das Einschlagen des Kehlkopfs mit der Handkante. Liao Yiwu überlebt, weil er sich nach Kräften wehrt, prügelt, seinen Starrsinn mit wochenlangen Fesselungen büßt, er ist dem Selbstmord nah, aber er gewinnt auch den Respekt der anderen Strafgefangenen, und selbst in dieser Hölle gibt es Momente der Menschlichkeit, der Hilfsbereitschaft. Es gibt sogar eine eigene Art von Humor in Todesnähe, auf dem Höhepunkt inszenieren die Häftlinge eine Totenfeier für einen der Ihren als Staatsakt nach dem Vorbild der Bestattung von Mao Zedong.

Schlimmer noch als die Brutalitäten im Knast sind sadistische Schreibtischtäter. Der Politkommissar Huang brüstet sich im Vollgefühl seiner von Staat und Partei übertragenen Macht über einen Häftling in der Isolation: “Die ersten beiden Jahre bin ich noch zu ihm in seine Höhle hinabgestiegen, er war bockig und hat keinen Ton gesagt, aber als der dritte Frühling vor der Tür stand, ist er auf allen vieren herumgekrochen, hat Kotau gemacht und um Vergebung gefleht. Der Kerl war fünf Jahre und sieben Monate in diesem Loch, er war ein lebendiges Gespenst und auf beiden Augen blind. Am Ende ergriff er die Gelegenheit, klammerte sich durch das Gitter an meine Beine und hat nicht mehr losgelassen. Aus humanitären Gründen habe ich ihm dann erlaubt, von den Toten aufzuerstehen und in das Licht der Sonne zurückzukehren.”

Die Lust daran, den Stolz, die Selbständigkeit, die Fähigkeit zum Widerstand zu brechen geht mit der Macht in hierarchischen Systemen einher – wer sich davon überzeugen möchte, muss auch hierzulande nicht lange suchen. Aber es gehört leider zum perfekt funktionierenden Verdrängungsgeschehen des Einzelnen wie der Gesellschaft, Opfern gewaltsamer Übergriffe eine Mitschuld zuzurechnen. Deshalb war Liao Yiwu im wirtschaftlich hemmungslos wachsenden China sehr einsam. Und deshalb wird auch hierzulande die Rettung der deutschen Wirtschaftsinteressen für Politik, Medien und eine selbstgefällig über deutsche Probleme schwadronierende Tischgesellschaft im Chinarestaurant wichtiger sein, als was den Deutschen eigentlich jeden Tag in den Ohren klingen müsste: Die Würde des Menschen ist unteilbar. Demokratie wird hierzulande nicht dauern, wenn wir den Preis ignorieren, der anderenorts auf dieser Welt für unseren Wohlstand gezahlt wird.

Das Radiofeature über Liao Yiwu und sein Buch ist zum Hören und Download auf SWR 2 seit 16.12.2011 bereit.

Liao Yiwu “Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen” Übersetzt von Hans Peter Hoffmann, S.Fischer Verlag, Hardcover 580 Seiten, 24,95 €