Die Wahrheit der Zerrspiegel

Emans_BekenntnisDas ist ein erstaunliches Buch. An seinem Anfang steht eine Mordbeichte. Ein Mörder als Erzähler wäre noch nichts Ungewöhnliches, aber ich las mit wachsendem Interesse, weil dieser Willem Termeer mich durch seine Lebensgeschichte führte wie durch ein Kabinett aus Zerrspiegeln. Solche Räume belustigten zur Entstehungszeit des Romans – Ende des 19. Jahrhunderts – auf Jahrmärkten Jung und Alt, in den Tagen der „virtual Reality“ wirken sie antiquiert. Ganz anders dieser 1894 erschienene Roman. Der Holländer Marcellus Emants war seinerzeit ein bekannter Autor, die deutsche Wikipedia kennt ihn (noch) nicht. Das sollte sich ändern.

Vor allem aus Genauigkeit gewinnt dieses Bekenntnis seine Anziehungskraft. Die unaufgeregte, bisweilen umständliche Sprache passt zur Hauptfigur, dem 35jährigen Willem Termeer: Er schildert das Geschehen nicht besonders spannungsvoll, pointenreich und farbig, er analysiert vielmehr akribisch das eigene Denken und Fühlen, ebenso das der Menschen um sich herum – und dabei wird seine verkrümmte, von Argwohn, Neid, mangelnder Empathie beherrschte Wahrnehmung deutlich. Das hat mich nicht nur am Lesen gehalten, es war fesselnder Stoff fürs Nachdenken über eigene Wahrnehmungsfehler. Den bekanntesten benennt schon die Bibel: Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ (Matthäus 7, Vers 3). Dutzende Lebenssituationen offenbaren Penetranz und Facettenreichtum dieses verstellten Blicks, auch die Dialoge mit Eltern, mit der Ehefrau Anna, mit dem ehemaligen Pfarrer de Kantere, der die Krise zu entschärfen sucht, Anna verehrt, aber von ihr abgewiesen wird. Nur Annas Festhalten an ihrer Pflicht als Ehefrau – selbst nach dem frühen Tod ihres Kindes – ist heute schwer vorstellbar.

Emants‘ Kabinett der Seelen-Spiegel hielt mich über viele Seiten fest: Sie mögen verzerren, aber sie sind scharf, viel schärfer als die meisten heutigen Versuche von Journalisten und „Krimiautoren“, Psychogramme von Mördern zu zeichnen. Der Protagonist irrlichtert zwischen erwünschter, zugleich verhasster „Normalität“ und seiner wahnhaften Selbstüberhebung, bleibt dabei äußerlich unscheinbar, unauffällig in seinen Alltagsgewohnheiten, man mag ihn nicht, kommt ihm gleichwohl gefährlich nahe, auch das macht den Roman lesenswert – und aktuell.

Willem Termeer erzählt, wie er im Soziotop Schule gedemütigt wurde, sich als ausgegrenzter Versager fühlte, wie sich daraus ein Grundkonflikt entwickelt: Er will einerseits dazu gehören, andererseits wird er zunehmend vom Argwohn gegen alles „Normale“ besessen, das ihn ablehnt. Das Elternhaus ist weder Rückhalt noch Korrektiv. Dort gibt es eine Sicherheit ohne tieferes Interesse: Das Geld reicht, um aufkommende Probleme des Nachwuchses ignorieren zu können, aber es fehlen Zuneigung und Ziele, die den Jugendlichen an Verantwortung binden. Nichts weist übers gewohnte Maß hinaus. Als Willem absichtlich Prüfungen vergeigt, erhärtet die demütigende Aussprache mit Vater und Mutter nur die narzisstische Kränkung, der er sich schon anverwandelt hat: Er ist der immer zu kurz Kommende. Argwohn dominiert sein Denken und Tun – ein Vorgang von bestürzender Aktualität.

2002 zog sich Robert Steinhäuser, vom Gutenberg-Gymnasium in Erfurt verwiesener Schüler, eine schwarze Kapuze über, nahm eine Pistole, erschoss 15 Mitschüler und Lehrer, am Ende sich selbst. Er sah sich gedemütigt, ungerecht behandelt, unterschätzt. Er wollte „es allen zeigen“ – und wurde tatsächlich überlebensgroß, wenn auch nur für die kurzen Bildsequenzen, in der Medien eine solche Sau heute durchs Dorf treiben, sie allenfalls zu Jahrestagen oder zum Vergleich mit anderen amokhaften Verbrechen servieren. Willem Termeer verkündet, dass der Mord an seiner Frau Anna ein Aufschrei gegen die Welt der „normalen“ Menschheit sein solle, von der sie mit ihrem Verständnis von ehelichem Zusammenleben nur eine Exponentin gewesen sei.

Gregor Seferenz hat den Roman aus dem Niederländischen übersetzt. John Maxwell Coetzee hat ein kluges Nachwort geschrieben, das Biographie, Motive und Stil des Autors erörtert. Der Nobelpreisträger hält autobiographisches Erleben für eine unverzichtbare Quelle des Schreibens, Emants ist gewiss ein gutes Beispiel: Aus seinen drei Ehen dürfte er reichlich geschöpft haben. Wie seine Romanfigur Termeer hat er die berufliche Ausbildung abgebrochen, konnte vom Geld der Eltern leben, schaffte es allerdings in die Öffentlichkeit, anders als sein „Held“, dessen autobiographisch gefärbte Novelle vom Verlag wegen „Bedeutungslosigkeit“ abgelehnt wird. „Die Novelle war eine schonungslose Offenbarung meiner geheimsten Gefühle“, meint Termeer und hält es für eine „Verurteilung meines gesamten Seelenlebens“, zurückgewiesen zu werden. Nicht nur damit spielt Emants auf die narzisstischen Antriebe jeglicher Künstlerschaft an. Selbstironisch lässt er Termeer nach einem Theaterbesuch seines Stückes „Der Artist“ urteilen, es habe „aufgrund der vielen Gemeinsamkeiten zwischen dem Künstler und mir einen tiefen Eindruck“ hinterlassen.

Mich beeindruckte Emants‘ Roman wegen der psychologisch präzisen Innenansicht einer Person, die heute so real erscheint wie vor 120 Jahren. Die Ausgabe von Manesse gefiel mir auch deshalb, weil sie Lesern Anmerkungen an die Hand gibt, wenn im Buch kaum mehr geläufige Begriffe des Fin de Siècle auftauchen.

Marcellus Emants

„Ein nachgelassenes Bekenntnis“

Manesse Verlag, 26,95 €

Karolina Leppert: Männermanieren – Standpauke aus dem Rotlicht

MännermanierenDiese Autorin tritt selbstbewusst auf, daran lässt sie weder mit ihrem Foto auf dem Schutzumschlag noch mit den ersten Sätzen ihres schmalen Büchleins zweifeln. Sie darf das, denn schon das Thema sichert ihr gehörige Aufmerksamkeit; so gut wie alle Medien berichten obendrein gerade darüber, wie der Gesetzgeber neue Leitplanken im bezahlten Geschlechtsverkehr installieren will. Erzwungene Prostitution und Menschenhandel will er damit einschränken – eine ziemlich liberale, auf besseren juristischen und sozialen Schutz für die Frauen zielende Regelung aus dem Jahr 2003 hat darin anscheinend nicht nur versagt, sondern kriminelle Dunkelfelder noch erweitert.

Karolina Leppert übt ihren Beruf als Sexarbeiterin mit Lust und Überzeugung aus. Ich nehme ihr das umso leichter ab, als sie nicht nur sehr offen redet, sondern auch unverschnörkelt, gescheit und vor allem mit Witz: Ich habe mich bei einer Lektüre lange nicht mehr so gut amüsiert. Dabei geht es drastisch zu; die „Standpauke“ kommt von Herzen und es ist Lebensklugheit, Gefühl und Empathie darinnen, wenn auch die „Manieren“ einen wünschen lassen, zugehörige Männer dorthin zu treten, wo schon der Klappentext einen tragikomischen Treffer landet.

Die Domina Karolina Leppert kommt rasch zur Hauptsache, und sie handelt sie souverän ab: Die Internetpornographie konditioniert Männer, indem sie ihre Phantasie verstellt. Das Geschlechtliche mit all seinen im tiefsten Lebenskern wurzelnden individuellen Spielarten wird vom physischen Geschehen zwischen Menschen entkoppelt, stattdessen implantieren bewegte Bilder Erwartungen, die im Virtuellen, keineswegs aber in der Realität erfüllbar sind. Vergleichbares lässt sich in den Gewaltspielen und Actionfilmen erfahren – und manche, die dort eintauchen und ihr Ego ins Gigantische übersteigern, schalten mit dem Computer keineswegs die Wünsche nach digital erzeugten Dopaminschüben ab: Gewalt-Macht-Lust kann um so leichter zur Droge werden, wenn sie folgenlos bleibt. Das Phänomen ist auch an den Pöblern (und Pöblerinnen) zu beobachten, die ihre Aggressionen im mehr oder weniger anonymen Social Web unverdrossen austoben.

Wie die Verfasserin in ihrer Rolle als Domina, wie ihre leid- und lustgeprüfte Kollegin Mariella mit solchen von pornographischen Extremen besessenen Kunden in der harten Realität zurechtkommen muss, das erzählt sie geschickt, indem sie die „Standpauke“ aus einem Gespräch mit Mariella heraus entwickelt. Vielleicht ist Mariella nur eine Kunstfigur; Karolina Leppert könnte zweifellos genügend Geschichten aus ihrer Arbeit für das Prostituierten-Netzwerk „Hydra“ in einer solchen verdichten. Man(n) muss sie einfach mögen. Und dass die Männer in Lepperts Standpauke mit fast therapeutischer Nachsicht behandelt werden, ohne feministischen Furor, dafür mit scharf beobachtendem Sarkasmus, Selbstreflexion und großem Humor, hebt diesen Text aus den zahllosen so bedeutungstriefenden wie folgenlosen Einlassungen zum Thema heraus. Dass der Alltag von Menschenhandel, Vergewaltigung und Zwangsprostitution grausam ist, lässt er einen keinen Augenblick vergessen, gerade weil die Autorin in einem verhältnismäßig zivilisierten Bereich zu Hause ist. Aber da die Politik den Dunkelfeldern ziemlich hilflos gegenüber steht, ist die Standpauke für die Kunden – meist Männer – umso mehr angebracht. Für die Kundinnen auch.

Karolina Leppert, Männermanieren. Standpauke aus dem Rotlicht, edition a, 128 Seiten, erschienen am 27. Februar 2016, 16,90 Euro.

Vor der Lesung

rainer_maria_rilke‪#‎Rilke‬ lesen ist…Rilke lesen. Mir fallen keine Attribute ein, weil ich dabei viel mehr erlebt habe, als die so respektvolle wie flüchtige Bekanntschaft mit Gedichten und Blicke auf Biographisches erwarten ließen. Wie dieser Eigenartige durch das Europa des Fin de Siecle zog, russische, französische, schwedische, italienische… Impressionen aufsog und verdichtete! Er hat von sich selbst behauptet, dass er kein Leser sei, es vielleicht erst werden müsse – dazu hatte er keine Zeit. Mit gerade 51 starb er, schon zu Lebzeiten berühmt, und in Furcht vor dem Ruhm:

 

Ich fürcht mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.
Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle Dinge um.

Ein Blick in die Zukunft

 

kosmos_200Die Aktualisierung der 2006 erschienenen Texte geht voran – aber sie kann dem Tempo mancher Entwicklungen kaum folgen. Das ist nicht schlimm, weil das Buch von Anfang an Unvollkommenheit und Ergänzungsbedürftigkeit zum Programm machte. Viele zweckmäßige Gedanken sind in andere Publikationen eingeflossen, die Diskussionen vor allem über “Die Erschaffung des AnGestellten” waren und sind dramatisch. Hier noch einmal der Hinweis aufs Wichtigste – und im öffentlichen Diskurs unbewältigte.

Es dauerte lange, bis die Erkenntnis allgemein anerkannt wurde, dass die Sonne nicht um die Erde kreist. Die Macht des Augenscheins und der Umgangssprache lassen sie aber immer noch auf- und untergehen. In der Psychologie und in den Sozialtheorien behaupten sich ebenso hartnäckig Standpunkte, die Verhältnisse zwischen Menschen mechanisch durch Ursache und Wirkung verknüpfen, obwohl deren Dynamik nicht weniger komplex ist, als die Physik der Elementarteilchen oder des Kosmos. Vor einiger Zeit begann auch in der Psychologie ein Paradigmenwechsel. Das Buch will neue wissenschaftliche Sichtweisen mit der Alltagserfahrungen verknüpfen. Die Fehler des alten Denksystems und der Verhaltensschemata, die immer wieder kausale „Sonnenaufgänge“ suggerieren, werden deutlich und praktische Anregungen für einen anderen Umgang mit Konflikten zwischen Lehrern und Schülern, Verkäufern und Kunden, Medizinern und Patienten, Juristen, Managern, Politikern und Journalisten oder einfach zwischen Eheleuten oder Eltern und Kindern auf unterhaltsame Art vermittelt.

Schreibe, um zu überleben – Déjà-vu!

Es war 1985. Mein Versuch, ein Off-Theater in Ostberlin, damals Hauptstadt der DäDäÄrr zu gründen, war von der Behörde verboten worden.

Spinner, Staatsfeind – frei auf eigene Rechnung

Im Tagebuch vom 29. Juli steht:

„Das Gefühl ABSOLUTER SCHUTZLOSIGKEIT als einziger Beleg (und Preis) für moralische Integrität – wie lange hält man das aus?
Entsetzlich: dieses Verwundern der Leute, dass man nicht konform geht, dass man nicht bereit ist, den Preis für Wohlstand und Erfolg zu zahlen. Sie achten – respektieren – nur den ERFOLGREICHEN Künstler, nicht den Künstler. Sie nehmen, was sie zur Selbstbestätigung brauchen und bemerken nicht den Selbstbetrug. (Wie sich unsere Gesellschaft in ihren Elitekünstlern selbst betrügt). Was für eine Verantwortung für die wirklich Großen: Widerstand über jede Koketterie hinaus!”

Das ist – Kernfragen von Uwe Tellkamps „Turm“, dem 2008 mit dem Deutschen Buchpreis bedachten Roman um 23 Jahre vorwegnehmend – ein Kommentar besonderer Art … Und dann fragt sich der nach Hinauswürfen und Verboten zur Untätigkeit Verurteilte, was bleibt:
„Das Wenige, das ich mir auferlege, ist meiner Angst geschuldet, …, die Konfrontation suchen, um nicht vereinnahmt zu werden, …, Leiden, um unempfindlich zu werden (wie unempfindlich bin ich schon?).“
Dann aber steht da mit roter Tinte:
„Verweigerung als die bequeme Möglichkeit, sein Teil Schuld nicht tragen zu müssen?“
Was für eine bizarre Frage angesichts der Tatsache, dass die an Brutalitäten und Rechtsbrüchen Schuldigen sich damals wie heute erfolgreich ihrer Verantwortung entziehen!

Teufel, Hitler, Stalin: Völkerschicksale im Banat

Vielvölkerstaat und Kampf ums Überleben

Vielvölkerstaat und Kampf ums Überleben

Zwischen Dreißigjährigem Krieg, Zuwanderung deutschstämmiger „Donauschwaben“ im 18. Jahrhundert und den Massakern, Vertreibungen, ethnischen Säuberungen des XX. Jahrhunderts spielt der Roman von Catalin Dorian Florescu.
Der Autor ist selbst gebürtiger Rumäne aus Temeschwar (Timisoara), floh mit seinen Eltern vor 30 Jahren in die Schweiz. Die Verbundenheit zu seiner alten Heimat, dem Banat, mit seiner erzwungenermaßen multikulturellen Geschichte ist der Kontrapunkt seines Erzählens. Von November 2010 bis April 2011 war Florescu Stipendiat der Stadt Baden-Baden. „Jacob beschließt zu lieben“ ist sein neuester Roman.
Für die Sendung SWR 2 „Forum Buch“ habe ich ihn gelesen und ein Interview mit dem Autor geführt. Sie steht als mp3-Datei und Manuskript im Internet zum Herunterladen bereit.

„Jacob beschließt zu lieben“ ist im C.H. Beck Verlag erschienen und kostet 19,95 €

Glaube, Liebe, Hoffnung oder Gewalt Macht Lust?

Titel zu "Der menschliche Kosmos"

Gefühle - Konflikte - Strategien

Vor einigen Wochen hatte ich zum Thema „Gratiskultur“ gepostet. Der Entschluss, mein Buch „Der menschliche Kosmos“ ausschnittweise im vom Deutschen Literaturarchiv Marbach dokumentierten literarischen Weblog „Publizist“ zu veröffentlichen, ist konsequent, indessen keineswegs uneigennützig, denn dabei kann ich den Text aus dem Jahr 2006 abschnittsweise überarbeiten; dafür hat sich seither angesichts globaler Entwicklungen reichlich Stoff angesammelt. Wer mag, kann mit dem Originaltext vergleichen.

VORWORT

Das Schicksal des Menschen ist der Mensch. Das gilt für den Einzelnen, der kaum längere Zeit ungesellig leben kann, wenn er essen, trinken, sich warm halten und soziale Grundbedürfnisse befriedigen will. Das gilt für die Gattung in einer immer enger werdenden Welt mit knappen Ressourcen und begrenzten Räumen. Gefährdungen durch natürliche Katastrophen wird es zwar immer geben – Erdbeben, Überflutungen, Brände, Seuchen, gar kosmische Bedrohungen durch Einschläge von Asteroiden oder durch Strahlung werden sich nie gänzlich beherrschen lassen -, aber wir stehen heute mehr denn je vor der Frage, ob nicht die Bedrohung durch menschliches Handeln das eigentliche Problem ist.
Können wir immer bedrohlichere Konflikte zwischen konkurrierenden Gruppen – Nationen, Kulturen, Ethnien, Religionen, Konzernen, Banken, Regierungen, Parteien – oder was sonst für Konfliktkonstellationen sich ergeben – anders als durch Gewalt lösen? Neben den klassischen Szenarien der Kriege und Terrorattacken rückt immer mehr das Szenarium struktureller Gewalt in den Brennpunkt: Es gibt Organisationen, die rücksichtslos gegen Leib und Leben des Einzelnen, gegen das Gemeinwesens und gegen die Natur ihre Interessen durchsetzen. Dass Konflikte eskalieren, dass sie in vollkommene Zerstörung münden, nehmen solche Organisationen in Kauf. Sie stellen die ihnen zugehörigen Menschen von Verantwortung frei und machen sie zu willfährigen Handlangern.
Der Vorgang ist – an den religiösen oder anderen ideologischen Verklärungen von Gewalt seit je erkennbar – nicht neu. Aber angesichts globaler Auswirkungen, wie sie sowohl mit Kriegen seit dem 20. Jahrhundert als auch mit dem katastrophalen technischen GAU von Atomkraftwerken und Pharmaunfällen einhergehen, ist zu fragen, ob Konflikte zwischen Menschen so unbeherrschbar sind wie Naturereignisse.
Lässt sich das Verhalten von Milliarden Menschen nicht auf ein friedliches, ausbalanciertes Zusammenleben hin beeinflussen, auf kooperative Strategien der Individuen, der Gattung mit ihrer Kultur (Technik) und der sie umgebenden Natur ?
Ist Gewalt in Konflikten unvermeidlich?
Zweierlei zumindest ist sicher:
Konflikte werden in Zukunft ALLE betreffen. Die globale Wirtschaft wird es unvermeidlich geben und damit wechselseitige Abhängigkeiten aller von (fast) allen. Das betrifft die natürlichen Ressourcen ebenso wie den Informationsaustausch.
Konflikte sind unvermeidlich; sie erzeugen die Dynamik zwischen Gruppen von Menschen ebenso wie zwischen Individuen und dem gesamten Umfeld, mit dem wir alle interagieren: mit der Welt.
(Zur Fortsetzung)

Liebe, Tod, Traum und Trauer

Unsentimentale Trauerarbeit

Träume sind unentbehrlich fürs Leben – im Wachen und im Schlaf. Auch Alpträume haben ihren Sinn, andererseits erweist sich manchmal als Alptraum, was zunächst Wunschtraum war: Wer fragt schon nach den möglichen schlimmen Folgen eines Lottogewinns, errungener Siege, unerschütterlicher Gesundheit? Unsere Phantasie wünscht dem Glück Dauer zu verleihen; Vergänglichkeit und Tod sind nur im unstillbaren Schmerz, in höchster Verzweiflung wünschenswert. Der Tod eines geliebten Menschen ist ein Alptraum.

Deshalb hat es eine Weile gedauert, ehe ich mich auf die Novelle einlassen mochte – sie beginnt mit einem “Herzriss” beim Sport, ein Mann in der Blüte des Lebens stirbt, stürzt seine Frau, seine beiden Söhne in eine nie erwogene, kaum auszuhaltende Abfolge von Schock, Schmerz, Wut, Trauer, von verzweifeltem Mühen um Bewältigung des Alltags, in dem er allgegenwärtig fehlt.

Obwohl Marion Tauschwitz den Personen keine Namen gibt, sie gleichsam auf ihre Stellung der Witwe gegenüber funktionalisiert – “die Kinder”, “der ältere”, “der jüngere Sohn”, “der Schwiegervater”, “die Freundin” … – war ich von den sprachlich knappen Mitteilungen über die Leiden der “jungen Frau” im Mittelpunkt des Dramas ergriffen. Sie will keine Witwe sein. Sie regelt ihr Leben, das der Söhne nach bestem Vermögen, sträubt sich gegen von Verwandten erwartete Rituale und betet – gegen jede Vernunft – um die Wiederkehr ihres Mannes. Das ist gut zu verstehen, denn Marion Tauschwitz zeichnet eine Wunschehe, sie ist ihrer Hauptfigur darin von Herzen nahe.

Träume des Tages und der Nacht, poetische Wunderzeichen bereiten auf den mythischen Moment vor, die “Auferstehung von den Toten”. Natürlich wird sie angesichts einer im Alltag längst eingewachsenen Abwesenheit des Mannes zum Alptraum. Nur eine Wahnsinnige kann Auferstehung erleben, für den Rest der Welt gilt eine andere Zeitrechnung.

Der von den Toten Auferstandene erweist sich zugleich als dunkler Wiedergänger des Verstorbenen: Wo jener aufmerksam und liebevoll war, ist dieser ignorant, egozentrisch, gefühllos. Als sei gewissermaßen nur die düstere Seite des Mannes zurückgekehrt, als könne er nur noch Defizite verkörpern, erschüttert er die Anhänglichkeit der Witwe, treibt sie von sich fort. Das Erwachen aus dem Alptraum wird zur psychotherapeutischen Pointe.

Vielleicht hat Marion Tauschwitz das so nicht beabsichtigt – der Hinweis, in einer noch so glücklichen Beziehung die Nachtseiten des Partners besser nicht zu beschönigen und zu verdrängen ist jedenfalls so angebracht wie unbefolgt; dasselbe gilt für allerlei Sprüche aus dem Munde der Großmutter, die von der Autorin – bisweilen ironisch – in den Text gestreut werden. Liebe macht blind, Trauer wohl auch. Und wie nun Schlafen, Wachen, Wähnen, Wünschen und Träumen zu unserem Glück am besten zu verbinden wären, darüber rätselte der große Shakespeare, ich habe gerne gelesen, was Marion Tauschwitz seinem berühmten Satz: “Wir sind vom Stoff aus dem die Träume sind, und dieses kleine Leben umfasst ein Schlaf” abgewonnen hat.

Lesend leben – schreibend überleben

Eine „Not- und Erstlingsarbeit“ nennt Eberhard Haufe seine Anthologie deutscher Mariendichtung aus dem Jahr 1960. Er tut das 1993 in seiner Dankesrede zur Verleihung des Weimar-Preises, einer Auszeichnung, die er längst verdient hatte. Aber als er jene Anthologie herausgab, hatten ihn marxistisch-leninistische „Säuberer“ aus der Universität Leipzig entfernt, er war stellungslos, hätte wohl wie mancher Geschurigelte den Weg nach Westen wählen können. Er ging nicht, er suchte sich sein Arbeits- und Überlebensfeld in der Literatur und fand so einen eigenen Weg – sich von den ideologischen Versatzstücken des Ostens ebenso fernhaltend wie von westlichen Modeströmungen. Der „Not- und Erstlingsarbeit“ folgten reihenweise lesenswerte Essays zur deutschen Literatur; der Wallstein Verlag Göttingen hat eine Auswahl in dem vorliegenden Buch zum achtzigsten Geburtstag des Autors zusammengeführt, es besticht schon durch seine editorische Sorgfalt.
Mir gefiel der Essay zur Geschichte der Mariendichtung, da er mich auf unvertrautes Terrain führte. Mir gefielen Haufes Texte zu den Dichtern des 17. Jahrhunderts um so mehr, als ich meine Bekanntschaft mit ihnen Arno Schmidt verdanke. Haufe nahm mich nun wieder zu einer überaus anregenden, mit sprachlichem Detailreichtum begleiteten Exkursion in die literarische Landschaft während und nach dem grausamen 30jährigen Krieg mit. Die Lektüre ist anspruchsvoll, aber niemals akademisch überfrachtet, sie weckt den Wunsch, Texte von Fleming, Brockes, Paul Gerhardt – um nur drei von vielen zu nennen – aufs Neue mit dem von Haufe geschärften Blick zu lesen.
Das gelingt ihm, weil er die Klassiker im Weimarer Schillerarchiv, wo er zehn Jahre lang beschäftigt war, als „zwar vergangenes, doch unvergängliches Leben“ begriff, „die Schreiber waren nahe. lebendige Menschen“. Der „Sachse im Weimarer Exil“ ist sich bewusst: „So geschätzt diese Arbeit mit ihrem übergreifenden inneren Gewinn war, so nahe lag gleichwohl die Gefahr des Elfenbeinturms im Schatten oder im Lichte der Heroen und Ortsheiligen“, und er hat sich dieser Gefahr ebenso eindrucksvoll entzogen wie der politisch linientreuen „Erbepflege“ der DDR-offiziellen Literaturwissenschaft.
Haufes Schriften zur deutschen Literatur werde ich künftig gerne zu Rate ziehen, wenn ich Entdeckungsreisen in die Dichtung aus vier Jahrhunderten unternehmen und mich dabei so verständig wie unterhaltsam führen lassen möchte; ich empfehle literarischen Neulingen das Buch ebenso wie Fachleuten.
Wenn bei der Lektüre Zweifel an mir nagen, ob meine eigene Literaturproduktion Gnade vor den Augen des Gelehrten fände, versichere ich mich einfach des von ihm vorgelebten Prinzips: Literatur ist ein lebensrettender Raum, dort zählen Applaus und theoretische Erwägungen jedenfalls weniger als die Arbeit an dem Buch, das wir sind – und in ihm sind die gelesenen Texte aufgehoben.

Eberhard Haufe „Schriften zur deutschen Literatur“
Wallstein Verlag Göttingen 2011; 542 Seiten, 34,90 €

Wissenschaft trifft Kunst

Philosophiebuch des Jahres
Im blog.literaturwelt.de hatte ich schon darauf aufmerksam gemacht: Alva Noë hat zweifellos eines der wichtigsten Bücher zur modernen Philosophie geschrieben.
Am 3. Dezember hat SWR 2 in seiner „Buchkritk“ meine ausführliche Rezension zu „Du bist nicht Dein Gehirn“ ausgestrahlt.
Oliver Sacks hat nur einen Satz zu Noës radikaler Abrechnung mit dem objektivierenden Subjektivismus gesagt:
»Dieses Buch sollte jeder gelesen haben, der über das Denken nachdenkt.«
Er hat vollkommen Recht. Für mich war eine besondere Freude, Alva Noë zum Interview in Frankfurt am Main bei der berühmten Ballettcompagnie von William Forsythe zu treffen. „Das leibliche Gedächtnis – wie unser Körper sich erinnert“ ist eine Arbeit für den Hörfunk, die Erkenntnisse aus „Der menschliche Kosmos“ aufgreift und weiterführt: Kunst und Wissenschaft bewegen sich nach Jahrhunderten der mechanistischen Trennung wieder aufeinander zu.
“Du bist nicht Dein Gehirn” von Alva Noë, Piper September 2010, aus dem Amerikanischen von Christiane Wagler, Originaltitel: Out of Our Heads, 304 Seiten, € 19,95;