Dirk Eidemüller: Das nukleare Zeitalter

Die Diskussion um das Thema Kernenergie ist in Deutschland nicht erst seit der “Energiewende” vergiftet. Gegner und Befürworter treffen sich höchst selten außerhalb ideologischer Schützengräben, der Öffentlichkeit bleibt weitgehend unbekannt, was jenseits “schotternder” Chaoten, der Polizeiaufmärsche bei Castor-Transporten und hysterischer Atomtod-Szenarien, also in der Welt forschender, besonnener und kritisch fragender Wissenschaftler, Ingenieure, Unternehmer verhandelt wird. Politiker ziehen hierzulande die Köpfe ein, weil sie um Wählerstimmen fürchten, wenn sie in den Verdacht geraten, der Kernkraft eine Zukunft zuzugestehen; nur wenige Journalisten beteiligen sich nicht am Wiederkäuen ritueller Pro- und Kontraphrasen.

Dirk Eidemüller ist zu danken, dass er dem Getöse der Affekte und den ideologischen Nebelmaschinen mit seinem Buch den Stecker zieht.

Er erläutert gründlich, mit großer Sachkenntnis, vielen interessanten Details den Werdegang, die Technik, den Nutzen und die Gefahren der Kernspaltung. Er beschönigt nicht und lässt nichts weg, er liest der Profitgier die Leviten, der organisierten Verantwortungslosigkeit, in deren Folge es zu Havarien, Unfällen, gar Katastrophen kommt, er macht klar und verständlich, dass die Kernspaltung einen ökonomischen, ökologischen und politischen Markstein ohnegleichen in der Geschichte der Menschheit bedeutet. Wer Energie aus Atomreaktoren ablehnt, kann sich angesichts der von Eidemüller zusammengetragenen Kenntnisse bestätigt sehen – allerdings nur, wenn er entscheidende Fragen ausblendet, die nachfolgende Generationen betreffen. Der “sofortige Ausstieg” nämlich ist unter allen Lösungen des Problems “Atommüll” die am wenigsten nachhaltige. Er bedeutet, unseren Nachkommen eine “strahlende” Hypothek, Millionen Jahre lang tickende Zeitbomben in “Endlagern” zu hinterlassen, statt die Möglichkeiten besserer Entsorgung radioaktiver Isotope etwa durch Transmutation zu entwickeln.

Dirk Eidemüller bringt das auf ein paar Sätze, die allen ins Stammbuch geschrieben sein mögen, die ihren Platz im Anti-Atom-Schützengraben als Zukunftsoption für ihre Kinder betrachten: “In nichttotalitären Gesellschaften kann nicht immer ein Konsens erzielt werden; auch nicht darüber, was man unter Verantwortung gegenüber kommenden Generationen verstehen kann. Man sollte künftigen Generationen also zumindest die Möglichkeit geben, unsere Entscheidungen rückgängig zu machen.”

Es ist ein sympathischer Zug dieses Buches, dass es sich auf keine Seite schlägt, sondern das für und wider sorgsam darstellt, dass es uns die Chance einräumt, mit Erfindergeist und demokratischer Kultur die Schützengräben von heute zur historischen Erfahrung zu machen.

Dirk Eidemüller “Das nukleare Zeitalter – Von der Kernspaltung bis zur Entsorgung”

S. Hirzel Verlag 2012.
ISBN 978-3-7776-2181-4

Als Fernsehen noch Wissen schaffte

Es hat sie einmal gegeben: Fernsehsendungen, die nicht an der Tagesaktualität klebten, die nicht “auf der Aufmerksamkeitswelle surften”, sondern weit ausgreifend Inhalte unterschiedlichster Bereiche von Kunst und Wissenschaft für das Publikum aufbereiteten: zu Hauptsendezeiten.

Es hat einmal Sendungen gegeben, in denen nicht farblose Moderatoren und immer dieselben Talkshownasen wiederkäuten, was auf allen Kanälen zu hören ist. Es waren Sendungen, die vom Erfahrungshintergrund und der Persönlichkeit ihrer Autoren lebten. Sie argumentierten wirklich sachkundig, kontrovers zur Politik, zum Mainstream, sie hatten es nicht nötig ewiggleichen Sozialritualen, einer Dramaturgie konfrontativen Schubladendenkens zu folgen. Das ist lange her. Und es ist schön, dass der Wissenschaftsjournalist Wolfram Huncke mit einem Buch an Heinz Haber und Robert Jungk erinnert. Einige ihrer Streitgespräche über Zukunftsfragen aus den 80er Jahren hat er angeregt, mitgeschnitten veröffentlicht. Sie werden dem Titel des Buches gerecht.

Haber, Physiker, Astronom, “Fernsehprofessor” der 60er Jahre (“Unser Blauer Planet”) und Jungk, Philosoph und Psychologe, Emigrant, Gründer des “Instituts für Zukunftsfragen” sind beide im Mai 1913 geboren, ganze vier Tage trennen sie – doch waren ihre Biographien höchst verschieden. Ebenso verschieden sind ihre wissenschaftlichen Standpunkte, aber bei aller Kontroverse verbindet sie eine tiefe Freundschaft, beginnend mit einer Begegnung 1949 in den USA, wo der eine als Astrophysiker, der andere als Journalist tätig ist. Haber hält Vorlesungen mit dem Titel “Unser Freund, das Atom”, daraus werden Bücher und eine Fernsehserie, Jungk beschäftigen die Menschen, die Atombomben oder –reaktoren bauen, frühzeitig warnt er vor Gefahren bei der Energieerzeugung, vor den politischen Risiken nuklearer Rüstung.

Die Gespräche zwischen beiden sind lesenswert, weil sie Konfliktkultur beweisen: Freunde streiten – sehr ernsthaft, sehr engagiert, mit großer Sachkenntnis. Aus diesen Gesprächen könnten alle lernen, die heute “gegen Kernenergie” mobilmachen ohne simpelstes physikalisches Grundwissen, dass nämlich Sonnenenergie Kernenergie ist, dass unter der dünnen Haut der Erdkruste gewaltige Nuklearkräfte unseren Planeten am Leben erhalten, dass Radioaktivität ein Grundbestandteil unserer Welt ist, und dass die Frage ihrer technischen Nutzung – wie bei jeder Technologie – eine Frage nach menschlicher Verantwortung, also nach Fehler- und Konfliktkultur ist.

Das Buch schreitet viele Technikfelder ab, nicht nur das der Energieerzeugung. Frisch und lesenswert wirkt es, weil eben viele Fragen bis heute offen sind, die Gedanken der beiden Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts immer noch zur Vertiefung anregen. Es gibt am Ende eine Passage zum Thema deutsche Fernsehanstalten, in der beide ausnahmsweise einmal einig sind – auch der Rezensent muss dem nichts hinzufügen:

Haber: “… heute ist ein verwalteter bürokratischer Apparat mit verhärteten Strukturen anzutreffen. Und: Den meisten fällt nichts Neues mehr ein.”

Jungk: “Nicht nur verhärtet, die Arbeit ist auch durch die Angst geprägt, etwas anderes zu machen als das, was vorgeschrieben ist. … Die Stelleninhaber werden wahnsinnig vorsichtig, die Kreativität erlischt schließlich.”

Haber: “ Mehr noch: Die persönliche Verantwortung verrottet, weil der einzelne nicht mehr zu seinen Entscheidungen und Handlungen zu stehen braucht. Das System trägt schließlich alles. die Mitarbeiter versuchen, im System nicht aufzufallen, und dann kann ihnen persönlich nichts passieren.”

Jungk: “Nur geht auf diese Weise das ganze System irgendwann vor die Hunde. …”

Und damit haben sie den Finger in die Wunde der organisierten Verantwortungslosigkeit gelegt. Solange ökonomische Abhängigkeiten Angestellte in Hierarchien erpressbar machen, so lange Strukturen auf ihre Austauschbarkeit zielen, so lange werden Rückversicherungsverhalten, Intransparenz,  mangelnde Konfliktkultur nicht nur Fernsehanstalten, sondern jedes Unternehmen scheitern lassen. Und genau darum sind Kernkraftwerke heute bedrohlich. Nuklearforschung und Nukleartechnik verlangen das Gegenteil von organisierter Verantwortungslosigkeit – das ist übrigens auch ziemlich genau das Gegenteil des “real existierenden Sozialismus".

Wolfram Huncke (Hrsg.)

Gestern ist heute – Heinz Haber und Robert Jungk im Disput um die Zukunft

Hirzel Stuttgart 2011, 120 Seiten, 19,90 €