Prügelnd und singend im Folterknast

“Konterrevolution” ist der Spitzname des Dichters bei seinen Zellengenossen, die Gefängniswärter heißen “Regierung Liu” oder “Regierung Tong”. Diese amtlich ermächtigten Sadisten mit ihren Elektroknüppeln lassen den wegen seiner Proteste gegen das Massaker auf dem “Platz des Himmlischen Friedens” eingesperrten Liao Yiwu deutlich spüren, dass ihnen ein politischer Gefangener gerade so wenig bedeutet wie ein Krimineller, wenn sie ihre Lust an der Demütigung Gefangener ausleben. Tagelang werden die Hände von Inhaftierten auf den Rücken gebunden, so dass sie beim Essen und Stuhlgang auf andere angewiesen sind, zwei Zellengenossen werden aneinander gefesselt, gegenseitigem Hass und Drangsalen des Überlebens in einer Rotte von Todeskandidaten, Mördern, Dieben, Vergewaltigern ausgeliefert. Zwischen Körperdünsten, Exkrementen, Schmutz, Läusen wird jede Privatheit zerstört, eine Hierarchie der Verbrecher bildet sich und nimmt den Wärtern die Arbeit ab. Nur wenn die Prügel- und Foltergeräusche im staatlichen Vollzug allzu auffällig werden, greifen sie mit dem Elektroknüppel ein.

Es gibt eine “Speisekarte” der Folterpraxis von Häftlingen untereinander, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt: “Bärentatzen-Tofu” und “beidseitig in Öl bräunen” etwa, also heftige und anhaltende Schläge mit der flachen Hand auf Brust und Rücken können tödlich sein; “Rachengeschnetzeltes, weich” bedeutet das Einschlagen des Kehlkopfs mit der Handkante. Liao Yiwu überlebt, weil er sich nach Kräften wehrt, prügelt, seinen Starrsinn mit wochenlangen Fesselungen büßt, er ist dem Selbstmord nah, aber er gewinnt auch den Respekt der anderen Strafgefangenen, und selbst in dieser Hölle gibt es Momente der Menschlichkeit, der Hilfsbereitschaft. Es gibt sogar eine eigene Art von Humor in Todesnähe, auf dem Höhepunkt inszenieren die Häftlinge eine Totenfeier für einen der Ihren als Staatsakt nach dem Vorbild der Bestattung von Mao Zedong.

Schlimmer noch als die Brutalitäten im Knast sind sadistische Schreibtischtäter. Der Politkommissar Huang brüstet sich im Vollgefühl seiner von Staat und Partei übertragenen Macht über einen Häftling in der Isolation: “Die ersten beiden Jahre bin ich noch zu ihm in seine Höhle hinabgestiegen, er war bockig und hat keinen Ton gesagt, aber als der dritte Frühling vor der Tür stand, ist er auf allen vieren herumgekrochen, hat Kotau gemacht und um Vergebung gefleht. Der Kerl war fünf Jahre und sieben Monate in diesem Loch, er war ein lebendiges Gespenst und auf beiden Augen blind. Am Ende ergriff er die Gelegenheit, klammerte sich durch das Gitter an meine Beine und hat nicht mehr losgelassen. Aus humanitären Gründen habe ich ihm dann erlaubt, von den Toten aufzuerstehen und in das Licht der Sonne zurückzukehren.”

Die Lust daran, den Stolz, die Selbständigkeit, die Fähigkeit zum Widerstand zu brechen geht mit der Macht in hierarchischen Systemen einher – wer sich davon überzeugen möchte, muss auch hierzulande nicht lange suchen. Aber es gehört leider zum perfekt funktionierenden Verdrängungsgeschehen des Einzelnen wie der Gesellschaft, Opfern gewaltsamer Übergriffe eine Mitschuld zuzurechnen. Deshalb war Liao Yiwu im wirtschaftlich hemmungslos wachsenden China sehr einsam. Und deshalb wird auch hierzulande die Rettung der deutschen Wirtschaftsinteressen für Politik, Medien und eine selbstgefällig über deutsche Probleme schwadronierende Tischgesellschaft im Chinarestaurant wichtiger sein, als was den Deutschen eigentlich jeden Tag in den Ohren klingen müsste: Die Würde des Menschen ist unteilbar. Demokratie wird hierzulande nicht dauern, wenn wir den Preis ignorieren, der anderenorts auf dieser Welt für unseren Wohlstand gezahlt wird.

Das Radiofeature über Liao Yiwu und sein Buch ist zum Hören und Download auf SWR 2 seit 16.12.2011 bereit.

Liao Yiwu “Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen” Übersetzt von Hans Peter Hoffmann, S.Fischer Verlag, Hardcover 580 Seiten, 24,95 €

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Alle Grenzen sprengen – in die totale Abhängigkeit

 

Michael Jackson ist für ihn “Modellfigur”: Rainer Funk entwickelt in seinem Buch “Der entgrenzte Mensch” so etwas wie die Psychopathologie der in digitalen Räumen beheimateten, weitgehend an Quantifizierung von Leistung, Mediengebrauch und Vermarktung ihrer selbst angepassten Persönlichkeit. Das ist nichts anderes als ein Teil unseres “Ich”  – er qualifiziert uns für moderne Arbeits- und Lebenswelten. Rainer Funks Methode, dabei den universellen Begriff von der Grenze als allem natürlichen, allem biologischen insbesondere eigene Begrenztheit zu betrachten, das Überschreiten von Grenzen dialektisch als Naturprinzip zu sehen, sich dann aber den besonderen, dem Menschen durch geeignete Werkzeuge mögliche “Entgrenzungen” zu widmen, führt zu hochinteressanten Überlegungen. Dass der Mensch die biologischen Grenzen seiner Körperlichkeit im Industriezeitalter buchstäblich niedergerissen hat – das Auto, das Fluggerät, der Raumgleiter, die Sattelitennavigation markieren solche Entgrenzungen  – hat ihn nämlich zugleich in wachsende Abhängigkeit vom eigenen Instrumentarium gebracht. So weit, so allgemein dank Vulkanausbrüchen und Stromausfällen beglaubigt.

Was mir an Funks Gedanken gefiel: Wie er nach Folgen einer von allen Realitätsbindungen sich lösenden, mit fortwährend wachsender Genauigkeit Realität simulierenden Technik für die Persönlichkeitsentwicklung fragt. Was geschieht mit Menschen, die in virtuellen Räumen handeln, sich dabei als Helden und Schmiede ihres Glücks erleben können, denen die Macht gegeben ist, ihr persönliches Umfeld zu gestalten, noch dazu in Teams mit anderen vernetzt, also sozial ermächtigt? Welche Rückwirkungen haben die ganz realen Serotoninschübe in der irrealen “World of Warcraft” für den unvermeidlichen Umgang mit einer Realität, in der aus selbst inszenierten Helden wieder Schüler, Studis, Angestellte mit sehr begrenzten Handlungsfeldern und wenig verlässlichen Verbündeten werden?

Beinahe noch frappanter: Selbstdarstellung ist in den virtuellen Räumen des Internets und aller anderen Formen digitalen Personalmanagements schier unvermeidlich. Wie kritisch kann jemand, der sein Selbstbild auf die Wünsche der Dienstleister hin perfekt optimiert, noch mit den eigenen Grenzen umgehen?

Die Psychologie weiß, wie sich durch ständig wiederholte Verhaltensroutinen gewissermaßen “Trampelpfade” in den Vernetzungen des Gedächtnisses bilden. Verhalten wird automatisiert, Sozialverhalten ritualisiert. Dieses “Einspuren” findet beim Handeln in der Realität ebenso wie in der Simulation statt. Für manchen wird es unmöglich, den in der Simulation angelegten Trampelpfad der Wahrnehmung, der antrainieren Handlungsmuster zu verlassen. In virtuellen Räumen hat er sich entgrenzt, mir den Grenzen des Alltags kommt er nicht mehr zurecht.

Michael Jackson hatte in der Welt des Showbiz ein der Realität sehr fernes, schwerelos erscheinendes, ekstatisches Leben; die Medien vergrößerten ihn über alle, dem “Normalo” zugänglichen Dimensionen hinaus, und er erwarb ein Vermögen, mit dem er sich in “Neverland” und dank der plastischen Chirurgie ein ewiges Kinderreich erschaffen wollte – entgrenzt von der Körperlichkeit des alternden Menschen. Natürlich war “Jacko” eine singuläre Erscheinung. Die jungen Männer aber, denen im Virtuellen ein Siegerverhalten anwächst, dessen Anspruch im Alltag scheitert, deren konstruiertes, durch Simulation aber tief verfestigtes Selbstbild ihnen keinen Ausweg mehr aus den Niederlagen der Schule oder der Arbeitswelt zeigt – sie werden aus unauffälligen Naturen zu überdimensionalen Killern, so wie Robert Steinhäuser vor fast zehn Jahren in Erfurt und andere nach ihm.

Dabei, das versteht man spätestens, wenn man Funks Buch liest, sind “Ballerspiele” nicht die Ursache. Sie verhelfen nur zu nachhaltigen Erfahrungen der Entgrenzung. Wer aber im Alltag alleingelassen, im Virtuellen getragen von “communities” erfolgreich trainiert, alle Grenzen niederzureißen, wer der realen Medienverstärkung ins Überdimensionale sicher sein kann, wenn er alle Grenzen in der Realität zerstört, der fragt nicht mehr nach Kollateralschäden.

Rainer Funks Buch ist indessen allen zu empfehlen, die den Umgang mit eigenen Grenzen intensivieren wollen.

“Der entgrenzte Mensch” im Gütersloher Verlagshaus 2011, 240 Seiten, 19,99 €