Die Wahrheit der Zerrspiegel

Emans_BekenntnisDas ist ein erstaunliches Buch. An seinem Anfang steht eine Mordbeichte. Ein Mörder als Erzähler wäre noch nichts Ungewöhnliches, aber ich las mit wachsendem Interesse, weil dieser Willem Termeer mich durch seine Lebensgeschichte führte wie durch ein Kabinett aus Zerrspiegeln. Solche Räume belustigten zur Entstehungszeit des Romans – Ende des 19. Jahrhunderts – auf Jahrmärkten Jung und Alt, in den Tagen der „virtual Reality“ wirken sie antiquiert. Ganz anders dieser 1894 erschienene Roman. Der Holländer Marcellus Emants war seinerzeit ein bekannter Autor, die deutsche Wikipedia kennt ihn (noch) nicht. Das sollte sich ändern.

Vor allem aus Genauigkeit gewinnt dieses Bekenntnis seine Anziehungskraft. Die unaufgeregte, bisweilen umständliche Sprache passt zur Hauptfigur, dem 35jährigen Willem Termeer: Er schildert das Geschehen nicht besonders spannungsvoll, pointenreich und farbig, er analysiert vielmehr akribisch das eigene Denken und Fühlen, ebenso das der Menschen um sich herum – und dabei wird seine verkrümmte, von Argwohn, Neid, mangelnder Empathie beherrschte Wahrnehmung deutlich. Das hat mich nicht nur am Lesen gehalten, es war fesselnder Stoff fürs Nachdenken über eigene Wahrnehmungsfehler. Den bekanntesten benennt schon die Bibel: Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ (Matthäus 7, Vers 3). Dutzende Lebenssituationen offenbaren Penetranz und Facettenreichtum dieses verstellten Blicks, auch die Dialoge mit Eltern, mit der Ehefrau Anna, mit dem ehemaligen Pfarrer de Kantere, der die Krise zu entschärfen sucht, Anna verehrt, aber von ihr abgewiesen wird. Nur Annas Festhalten an ihrer Pflicht als Ehefrau – selbst nach dem frühen Tod ihres Kindes – ist heute schwer vorstellbar.

Emants‘ Kabinett der Seelen-Spiegel hielt mich über viele Seiten fest: Sie mögen verzerren, aber sie sind scharf, viel schärfer als die meisten heutigen Versuche von Journalisten und „Krimiautoren“, Psychogramme von Mördern zu zeichnen. Der Protagonist irrlichtert zwischen erwünschter, zugleich verhasster „Normalität“ und seiner wahnhaften Selbstüberhebung, bleibt dabei äußerlich unscheinbar, unauffällig in seinen Alltagsgewohnheiten, man mag ihn nicht, kommt ihm gleichwohl gefährlich nahe, auch das macht den Roman lesenswert – und aktuell.

Willem Termeer erzählt, wie er im Soziotop Schule gedemütigt wurde, sich als ausgegrenzter Versager fühlte, wie sich daraus ein Grundkonflikt entwickelt: Er will einerseits dazu gehören, andererseits wird er zunehmend vom Argwohn gegen alles „Normale“ besessen, das ihn ablehnt. Das Elternhaus ist weder Rückhalt noch Korrektiv. Dort gibt es eine Sicherheit ohne tieferes Interesse: Das Geld reicht, um aufkommende Probleme des Nachwuchses ignorieren zu können, aber es fehlen Zuneigung und Ziele, die den Jugendlichen an Verantwortung binden. Nichts weist übers gewohnte Maß hinaus. Als Willem absichtlich Prüfungen vergeigt, erhärtet die demütigende Aussprache mit Vater und Mutter nur die narzisstische Kränkung, der er sich schon anverwandelt hat: Er ist der immer zu kurz Kommende. Argwohn dominiert sein Denken und Tun – ein Vorgang von bestürzender Aktualität.

2002 zog sich Robert Steinhäuser, vom Gutenberg-Gymnasium in Erfurt verwiesener Schüler, eine schwarze Kapuze über, nahm eine Pistole, erschoss 15 Mitschüler und Lehrer, am Ende sich selbst. Er sah sich gedemütigt, ungerecht behandelt, unterschätzt. Er wollte „es allen zeigen“ – und wurde tatsächlich überlebensgroß, wenn auch nur für die kurzen Bildsequenzen, in der Medien eine solche Sau heute durchs Dorf treiben, sie allenfalls zu Jahrestagen oder zum Vergleich mit anderen amokhaften Verbrechen servieren. Willem Termeer verkündet, dass der Mord an seiner Frau Anna ein Aufschrei gegen die Welt der „normalen“ Menschheit sein solle, von der sie mit ihrem Verständnis von ehelichem Zusammenleben nur eine Exponentin gewesen sei.

Gregor Seferenz hat den Roman aus dem Niederländischen übersetzt. John Maxwell Coetzee hat ein kluges Nachwort geschrieben, das Biographie, Motive und Stil des Autors erörtert. Der Nobelpreisträger hält autobiographisches Erleben für eine unverzichtbare Quelle des Schreibens, Emants ist gewiss ein gutes Beispiel: Aus seinen drei Ehen dürfte er reichlich geschöpft haben. Wie seine Romanfigur Termeer hat er die berufliche Ausbildung abgebrochen, konnte vom Geld der Eltern leben, schaffte es allerdings in die Öffentlichkeit, anders als sein „Held“, dessen autobiographisch gefärbte Novelle vom Verlag wegen „Bedeutungslosigkeit“ abgelehnt wird. „Die Novelle war eine schonungslose Offenbarung meiner geheimsten Gefühle“, meint Termeer und hält es für eine „Verurteilung meines gesamten Seelenlebens“, zurückgewiesen zu werden. Nicht nur damit spielt Emants auf die narzisstischen Antriebe jeglicher Künstlerschaft an. Selbstironisch lässt er Termeer nach einem Theaterbesuch seines Stückes „Der Artist“ urteilen, es habe „aufgrund der vielen Gemeinsamkeiten zwischen dem Künstler und mir einen tiefen Eindruck“ hinterlassen.

Mich beeindruckte Emants‘ Roman wegen der psychologisch präzisen Innenansicht einer Person, die heute so real erscheint wie vor 120 Jahren. Die Ausgabe von Manesse gefiel mir auch deshalb, weil sie Lesern Anmerkungen an die Hand gibt, wenn im Buch kaum mehr geläufige Begriffe des Fin de Siècle auftauchen.

Marcellus Emants

„Ein nachgelassenes Bekenntnis“

Manesse Verlag, 26,95 €

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Bücher brauchen Kinder – Was soll die Kritik?

Cover des Kinderbuches“Es ist eine elementare Gabe des Menschen, dass er erzählend die Phantasie seiner Zuhörer in ganz eigene Welten entführen kann, wo sie ihrerseits viel mehr erleben, als der Erzähler weiß. Man nennt das gern „Kino im Kopf“. Nicht jeder mag sich auf von ihm selbst erfundene Filme verlassen; meine Großmutter nahm ein in rotes Leinen gebundenes dickes Buch mit goldner Prägung zur Hand, die „Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm“, las daraus vor und half, uns Kindern die Zukunft als angepasste, folgsame, unkritische Zeitgenossen zu verderben.”

So begann ich vor gut zwei Jahren die Rezension zu einem Kinderbuch – das Cover ist nebenan abgebildet. Das Buch bot bis dahin wenig bekannten Autoren die Chance, einer Publikation, per Wettbewerb wurden Texte ausgewählt. Honorare gab es nicht, die Erlöse aus dem Verkauf flossen sämtlich in soziale Projekte zugunsten bedürftiger Kinder. Die Rezension war vor allem ein Plädoyer fürs Vorlesen:

“Wenn Kinder heute sagen: ‘Lies mir vor’, dann ist das ein Vertrauensbeweis. Natürlich macht es Spaß, sie zum Lachen und zum Staunen zu bringen – es ist die nobelste Verpflichtung. Aber sollten sie nicht auch Schwimmen lernen in einem Phantasiemeer voll Untiefen, voll mit gefährlichen Strömungen, allüberall lauernden Schlingpflanzen und womöglich gar tödlichen Monstern? Beinahe schwieriger: kann man sie bewegen, nicht nur im Seichten zu plätschern, sondern den quietschbunten Gummibooten, lärmigen Animateuren, banalen Plastikhilfen das mutige Eintauchen vorzuziehen, sich nicht für den Schwimm-Ersatz zu entscheiden, sondern fürs Ausdauertraining, belohnt vom Gefühl ‘ich kann mich dem Wasser anvertrauen, mich aus eigener Kraft darin behaupten’?”

Das Bemühen der Autoren habe ich gelobt – ich habe darauf verzichtet, literarische Schwächen zu beschreiben. Mir gefiel eine durchgängige Haltung:

“Großmächtige Helden tauchen nicht auf, literarischer Schwulst ebensowenig. Neugier, Phantasie, Hilfsbereitschaft, die Überzeugung, dass das Wunderbare sich direkt vor unseren Augen ereignet, wenn wir nur sehen wollen, sind Zutaten der Geschichten und Gedichte in diesem Bändchen, dem man nur ein etwas hochwertigeres editorisches Gewand wünschte – zumal der Erlös sozialen Projekten zugute kommen soll.”

Nun schreibt mir eine der – zweifelsfrei begabten – Autorinnen:

“Jetzt mal im Ernst: Wir sind mit unseren Beiträgen zu diesem Buch weit unter unseren Möglichkeiten geblieben. Die Rezension ist viel zu gut für das, was wir den Kindern da zumuten. Warum werden wir so wohlwollend bewertet? Verdient haben wir es nicht!!!”

Und ich habe ihr geantwortet:

“Es ist gut, liebe Susanne, dass Du dir selbst kritischer gegenübertrittst als der Rezensent. Das beweist mir, dass das Lob womöglich Deinen Blick mehr geschärft hat als eine Kritik, die erfahrungsgemäß Abwehrreflexe auslöst. Wir wollen besser werden, d.h. an Aufgaben wachsen. Meine Kritik formuliert in erster Linie Aufgaben, sie ästimiert, dass die Beteiligten sich ihnen nach bestem Vermögen gestellt haben und dass das Projekt in Konkurrenz zu oberflächlicheren, dürftigeren, nach Effekt haschenden Produkten steht.
Was ich den Autorinnen und Autoren an – aus meiner Sicht – Verbesserungswürdigem empfehlen würde, so sie mich denn fragten, ist dem unveröffentlichten Dialog vorbehalten. Wenn mir etwas missraten erscheint, äußere ich mich dazu nicht coram publico – das ist was für Aasgeier – sondern nur im Zwiegespräch, da dürfen dann die Fetzen fliegen.
Wir produzieren Lebensmittel. Ich denke oft über die Frage nach, ob Verbraucherschutz sinnvoll ist, oder ob man nicht die Urteilsfähigkeit der Leser besser schult, indem man sich auf Qualitätsempfehlungen konzentriert, damit die Lust am Fastfood sich von alleine erledigt.”

Kinder haben manchmal Lust auf Fastfood, manches mit viel Liebe selbst Zubereitete schmeckt ihnen nicht – das muss nicht an den Kindern liegen. Aber wer Kindern Lust aufs Kochen machen will – und auf Klasse aus der Küche – darf sie ruhig an den eigenen Fehlversuchen beteiligen. Eine öffentliche Vorführung scheiternder Köche dagegen finde ich nicht einmal dann besonders prickelnd, wenn es sich um welche mit Sternen handelt.

Eine kurze Probe zu “Lies mir vor” als Video zum Nach- und Bessermachen für die Kinder ;-)Das Buch gibt’s  Bei Book on Demand ISBN 978-3-8391-7272-8
Paperback, 184 Seiten (9 Zeichnungen)
20,00 Euro

Mit den Klassikern im Bett

Klatsch und Tratsch sind ein soziales Hintergrundgeräusch, dessen Einfluss gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Den Beweis liefern weniger die Auflagenstärken einschlägiger Periodika, als vielmehr wissenschaftliche Untersuchungen. Schon zu Zeiten Henry Fords wiesen sie z.B. nach, dass arbeitende Frauen sehr viel Zeit mit derlei Kommunikation vertun. Als Manager Maßnahmen trafen, Klatsch und Tratsch am Arbeitsplatz zu verhindern, ging die Produktivität in den Keller. Birgit Althans hat 2000 auf unterhaltsame Art untersucht wie “Der Klatsch, die Frauen und das Sprechen bei der Arbeit” zusammenhängen. Natürlich fing alles dort an, wo mit namensgebendem Geräusch Wäsche auf Wasser bzw. Steine traf und allerlei Flecken den sozialpolitischen Diskurs an der weiblichen Basis in Gang setzten. Für Freunde der Statistik böte sich an herauszufinden, wer an schmutziger Wäsche mehr verdient: “Gala”, “Bunte”, “Neue Revue” etc. (nach Verlagen aufgeschlüsselt, nach Gendergesichtspunkten …) oder die Waschmittelindustrie.

 

Wer Lust auf einen intelligenten, mit Witz, Ironie und gehörigem Rechercheeifer verfassten Überblick über allerlei Skandale und Skandälchen im Weimar der Goethezeit hat, dem sei empfohlen, Andrea Schütte-Bubenik auf ihre Reise dorthin zu folgen. Sie hat “Unerhörtes” aus Briefen und Tagebüchern von Zeitgenossinnen – weniger von Zeitgenossen – aufgelesen, sortiert in lauter kleine Theaterstückchen, lässt darinnen Schiller, Goethe, Herder, Wieland, adlige und bürgerliche Komparserie als Marionetten an ihren Erzählfäden tanzen. Vor jedem Dramolett werden die Puppen neu kostümiert, sie treten in wechselnden Kulissen auf und ab. So sehen wir sie, sich wechselseitig kommentierend, Allotria treiben, das kreiselt wie immer beim Klatsch ums “Wer mit Wem”, um ungebärdige Kinder, Eifersucht, Fauxpas, Un- und Glücksfälle des Alltags.

Die entscheidenden Beiträge liefern – wer sonst – die Frauen: Charlotte von Stein, Mutter und Tochter Schopenhauer, Bettina von Arnim, die Droste, Ottilie von Goethe, Sophie von La Roche, Karoline Herder – um nur wenige Namen zu nennen. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund, hecheln durch, zerreißen sich die Mäuler, lassen keinen guten Faden an Rivalinnen: das ganze Klatschrepertoire wird beherrscht. Das Beste aber an Schütte-Bubeniks Bühne: Sie dreht auch die medizinischen bzw. homöopathischen und naturwissenschaftlichen Schauplätze zur Rampe, Kirchen und Luftschiffe tauchen auf, eher die kleine als die große Politik.

Das Buch habe ich nicht am Stück gelesen, sondern mit wiederkehrendem Vergnügen über fast zwei Jahre; Autorin und Verlag werden mir nachsehen, dass keine “zeitnahe” Rezension entstand, dafür aber eine ungeteilte Empfehlung.

Andrea Schütte-Bubenik “Eine unerhörte Reise in die Goethezeit: Handbuch für Kulturverdrossene” Verlag Königshausen und Neumann 2009, 244 Seiten, 19,80 €

Alle Grenzen sprengen – in die totale Abhängigkeit

 

Michael Jackson ist für ihn “Modellfigur”: Rainer Funk entwickelt in seinem Buch “Der entgrenzte Mensch” so etwas wie die Psychopathologie der in digitalen Räumen beheimateten, weitgehend an Quantifizierung von Leistung, Mediengebrauch und Vermarktung ihrer selbst angepassten Persönlichkeit. Das ist nichts anderes als ein Teil unseres “Ich”  – er qualifiziert uns für moderne Arbeits- und Lebenswelten. Rainer Funks Methode, dabei den universellen Begriff von der Grenze als allem natürlichen, allem biologischen insbesondere eigene Begrenztheit zu betrachten, das Überschreiten von Grenzen dialektisch als Naturprinzip zu sehen, sich dann aber den besonderen, dem Menschen durch geeignete Werkzeuge mögliche “Entgrenzungen” zu widmen, führt zu hochinteressanten Überlegungen. Dass der Mensch die biologischen Grenzen seiner Körperlichkeit im Industriezeitalter buchstäblich niedergerissen hat – das Auto, das Fluggerät, der Raumgleiter, die Sattelitennavigation markieren solche Entgrenzungen  – hat ihn nämlich zugleich in wachsende Abhängigkeit vom eigenen Instrumentarium gebracht. So weit, so allgemein dank Vulkanausbrüchen und Stromausfällen beglaubigt.

Was mir an Funks Gedanken gefiel: Wie er nach Folgen einer von allen Realitätsbindungen sich lösenden, mit fortwährend wachsender Genauigkeit Realität simulierenden Technik für die Persönlichkeitsentwicklung fragt. Was geschieht mit Menschen, die in virtuellen Räumen handeln, sich dabei als Helden und Schmiede ihres Glücks erleben können, denen die Macht gegeben ist, ihr persönliches Umfeld zu gestalten, noch dazu in Teams mit anderen vernetzt, also sozial ermächtigt? Welche Rückwirkungen haben die ganz realen Serotoninschübe in der irrealen “World of Warcraft” für den unvermeidlichen Umgang mit einer Realität, in der aus selbst inszenierten Helden wieder Schüler, Studis, Angestellte mit sehr begrenzten Handlungsfeldern und wenig verlässlichen Verbündeten werden?

Beinahe noch frappanter: Selbstdarstellung ist in den virtuellen Räumen des Internets und aller anderen Formen digitalen Personalmanagements schier unvermeidlich. Wie kritisch kann jemand, der sein Selbstbild auf die Wünsche der Dienstleister hin perfekt optimiert, noch mit den eigenen Grenzen umgehen?

Die Psychologie weiß, wie sich durch ständig wiederholte Verhaltensroutinen gewissermaßen “Trampelpfade” in den Vernetzungen des Gedächtnisses bilden. Verhalten wird automatisiert, Sozialverhalten ritualisiert. Dieses “Einspuren” findet beim Handeln in der Realität ebenso wie in der Simulation statt. Für manchen wird es unmöglich, den in der Simulation angelegten Trampelpfad der Wahrnehmung, der antrainieren Handlungsmuster zu verlassen. In virtuellen Räumen hat er sich entgrenzt, mir den Grenzen des Alltags kommt er nicht mehr zurecht.

Michael Jackson hatte in der Welt des Showbiz ein der Realität sehr fernes, schwerelos erscheinendes, ekstatisches Leben; die Medien vergrößerten ihn über alle, dem “Normalo” zugänglichen Dimensionen hinaus, und er erwarb ein Vermögen, mit dem er sich in “Neverland” und dank der plastischen Chirurgie ein ewiges Kinderreich erschaffen wollte – entgrenzt von der Körperlichkeit des alternden Menschen. Natürlich war “Jacko” eine singuläre Erscheinung. Die jungen Männer aber, denen im Virtuellen ein Siegerverhalten anwächst, dessen Anspruch im Alltag scheitert, deren konstruiertes, durch Simulation aber tief verfestigtes Selbstbild ihnen keinen Ausweg mehr aus den Niederlagen der Schule oder der Arbeitswelt zeigt – sie werden aus unauffälligen Naturen zu überdimensionalen Killern, so wie Robert Steinhäuser vor fast zehn Jahren in Erfurt und andere nach ihm.

Dabei, das versteht man spätestens, wenn man Funks Buch liest, sind “Ballerspiele” nicht die Ursache. Sie verhelfen nur zu nachhaltigen Erfahrungen der Entgrenzung. Wer aber im Alltag alleingelassen, im Virtuellen getragen von “communities” erfolgreich trainiert, alle Grenzen niederzureißen, wer der realen Medienverstärkung ins Überdimensionale sicher sein kann, wenn er alle Grenzen in der Realität zerstört, der fragt nicht mehr nach Kollateralschäden.

Rainer Funks Buch ist indessen allen zu empfehlen, die den Umgang mit eigenen Grenzen intensivieren wollen.

“Der entgrenzte Mensch” im Gütersloher Verlagshaus 2011, 240 Seiten, 19,99 €

Tanz der Lebensläufer

 

Es hat eine Weile gedauert, ehe ich mich traute, zu diesem Buch etwas zu schreiben.

Als mir Hans Zengeler seinen “Traumtänzer” in die Hand drückte, hatten wir ziemlich viel miteinander geredet und geraucht, wir hatten uns über Vorlieben ausgetauscht und Aversionen, wir wussten beide, dass wir die Texte des anderen schätzen. Wir gehören derselben Generation an, wir haben beide einige Erfahrung in der Rolle des Taugenichts; der eine sein ganzes Leben im Westen Deutschlands, der andere fast zwei Drittel im Osten. Den “Traumtänzer” habe ich gleich im Zug von Ludwigsburg nach Baden-Baden angefangen; es war eine kurzweilige Reise, danach habe ich ihn nicht aus der Hand gelegt, ehe ich Hans Zengeler per facebook mitteilen konnte, wie sehr mir das Buch gefallen, dass ich bisweilen den Eindruck hatte, wir beide haben über all die Jahre von 1968 bis heute aufeinander zu geschrieben. Aus so einer Stimmung heraus kann man keine Kritik schreiben, jedenfalls keine “objektive”.

Daran denke ich auch gar nicht. “Objektivität” ist mir verdächtig. Aber mit dem Abstand von ein paar Monaten habe ich mir das Buch aus dem Jahr 1993 nochmal vorgenommen, das Vergnügen war ungeschmälert, deshalb führe ich hier einfach auf, was mir so sehr gefällt:

Witz und die Selbstironie, mit denen da einer über doppelte und dreifache Böden von Erfundenem und Erlebtem hopst, und wenn die Böden unter ihm bersten – das passiert andauernd –, dann wird das Räderwerk des “geordneten Lebens” sichtbar, ächzt und knarrt. Mich muss keiner dazu agitieren, diesem Räderwerk weiträumig auszuweichen, aber es ist schon was Besonderes, haarklein bestätigt zu bekommen, dass sich Hebel, Zähne, Muttern und Schrauben der Mechanik in Ost und West nur wenig unterscheiden.

Was mir aus der DäDäÄrr-Ferne schon ziemlich eingeleuchtet hatte, seit geglückter Ausbürgerung aus dem “Arbeiter-und-Bauern-Staat” immer deutlicher vor die Linse kam, kriegt in Zengelers Nahaufnahme eine überaus komische, gerade in diesen Tagen brandaktuelle Schärfe: die Revoluzzer von heute sind die Despoten von morgen (naja, das ist jetzt mit all den Erfahrungen von Revolutionen nicht überraschend, wirkt aber in Bezug aufs 68er Personal unwiderstehlich auf die Lachmuskeln).

Fernsehen ist dumm, macht dumm und strebt darin weiter zum Punkt höchster Vollendung.

Wenn einer schon histrionisch begabt ist, sollte er nicht erwarten, in sicheren Fahrwässern schwimmen zu können. Er braucht Strudel, Turbulenzen und Geschichten mit offenem Ausgang – immer neue jedenfalls, mit immer neuen Rollen fürs Ego. Wenn er Glück hat, ist er am Ende. Dann aber zufrieden.

 

Hans Zengeler: “Traumtänzer”

Dahlemer Verlagsanstalt

http://goo.gl/Lwo75

Teufel, Hitler, Stalin: Völkerschicksale im Banat

Vielvölkerstaat und Kampf ums Überleben

Vielvölkerstaat und Kampf ums Überleben

Zwischen Dreißigjährigem Krieg, Zuwanderung deutschstämmiger „Donauschwaben“ im 18. Jahrhundert und den Massakern, Vertreibungen, ethnischen Säuberungen des XX. Jahrhunderts spielt der Roman von Catalin Dorian Florescu.
Der Autor ist selbst gebürtiger Rumäne aus Temeschwar (Timisoara), floh mit seinen Eltern vor 30 Jahren in die Schweiz. Die Verbundenheit zu seiner alten Heimat, dem Banat, mit seiner erzwungenermaßen multikulturellen Geschichte ist der Kontrapunkt seines Erzählens. Von November 2010 bis April 2011 war Florescu Stipendiat der Stadt Baden-Baden. „Jacob beschließt zu lieben“ ist sein neuester Roman.
Für die Sendung SWR 2 „Forum Buch“ habe ich ihn gelesen und ein Interview mit dem Autor geführt. Sie steht als mp3-Datei und Manuskript im Internet zum Herunterladen bereit.

„Jacob beschließt zu lieben“ ist im C.H. Beck Verlag erschienen und kostet 19,95 €

Liebe, Tod, Traum und Trauer

Unsentimentale Trauerarbeit

Träume sind unentbehrlich fürs Leben – im Wachen und im Schlaf. Auch Alpträume haben ihren Sinn, andererseits erweist sich manchmal als Alptraum, was zunächst Wunschtraum war: Wer fragt schon nach den möglichen schlimmen Folgen eines Lottogewinns, errungener Siege, unerschütterlicher Gesundheit? Unsere Phantasie wünscht dem Glück Dauer zu verleihen; Vergänglichkeit und Tod sind nur im unstillbaren Schmerz, in höchster Verzweiflung wünschenswert. Der Tod eines geliebten Menschen ist ein Alptraum.

Deshalb hat es eine Weile gedauert, ehe ich mich auf die Novelle einlassen mochte – sie beginnt mit einem “Herzriss” beim Sport, ein Mann in der Blüte des Lebens stirbt, stürzt seine Frau, seine beiden Söhne in eine nie erwogene, kaum auszuhaltende Abfolge von Schock, Schmerz, Wut, Trauer, von verzweifeltem Mühen um Bewältigung des Alltags, in dem er allgegenwärtig fehlt.

Obwohl Marion Tauschwitz den Personen keine Namen gibt, sie gleichsam auf ihre Stellung der Witwe gegenüber funktionalisiert – “die Kinder”, “der ältere”, “der jüngere Sohn”, “der Schwiegervater”, “die Freundin” … – war ich von den sprachlich knappen Mitteilungen über die Leiden der “jungen Frau” im Mittelpunkt des Dramas ergriffen. Sie will keine Witwe sein. Sie regelt ihr Leben, das der Söhne nach bestem Vermögen, sträubt sich gegen von Verwandten erwartete Rituale und betet – gegen jede Vernunft – um die Wiederkehr ihres Mannes. Das ist gut zu verstehen, denn Marion Tauschwitz zeichnet eine Wunschehe, sie ist ihrer Hauptfigur darin von Herzen nahe.

Träume des Tages und der Nacht, poetische Wunderzeichen bereiten auf den mythischen Moment vor, die “Auferstehung von den Toten”. Natürlich wird sie angesichts einer im Alltag längst eingewachsenen Abwesenheit des Mannes zum Alptraum. Nur eine Wahnsinnige kann Auferstehung erleben, für den Rest der Welt gilt eine andere Zeitrechnung.

Der von den Toten Auferstandene erweist sich zugleich als dunkler Wiedergänger des Verstorbenen: Wo jener aufmerksam und liebevoll war, ist dieser ignorant, egozentrisch, gefühllos. Als sei gewissermaßen nur die düstere Seite des Mannes zurückgekehrt, als könne er nur noch Defizite verkörpern, erschüttert er die Anhänglichkeit der Witwe, treibt sie von sich fort. Das Erwachen aus dem Alptraum wird zur psychotherapeutischen Pointe.

Vielleicht hat Marion Tauschwitz das so nicht beabsichtigt – der Hinweis, in einer noch so glücklichen Beziehung die Nachtseiten des Partners besser nicht zu beschönigen und zu verdrängen ist jedenfalls so angebracht wie unbefolgt; dasselbe gilt für allerlei Sprüche aus dem Munde der Großmutter, die von der Autorin – bisweilen ironisch – in den Text gestreut werden. Liebe macht blind, Trauer wohl auch. Und wie nun Schlafen, Wachen, Wähnen, Wünschen und Träumen zu unserem Glück am besten zu verbinden wären, darüber rätselte der große Shakespeare, ich habe gerne gelesen, was Marion Tauschwitz seinem berühmten Satz: “Wir sind vom Stoff aus dem die Träume sind, und dieses kleine Leben umfasst ein Schlaf” abgewonnen hat.