Als Fernsehen noch Wissen schaffte

Es hat sie einmal gegeben: Fernsehsendungen, die nicht an der Tagesaktualität klebten, die nicht “auf der Aufmerksamkeitswelle surften”, sondern weit ausgreifend Inhalte unterschiedlichster Bereiche von Kunst und Wissenschaft für das Publikum aufbereiteten: zu Hauptsendezeiten.

Es hat einmal Sendungen gegeben, in denen nicht farblose Moderatoren und immer dieselben Talkshownasen wiederkäuten, was auf allen Kanälen zu hören ist. Es waren Sendungen, die vom Erfahrungshintergrund und der Persönlichkeit ihrer Autoren lebten. Sie argumentierten wirklich sachkundig, kontrovers zur Politik, zum Mainstream, sie hatten es nicht nötig ewiggleichen Sozialritualen, einer Dramaturgie konfrontativen Schubladendenkens zu folgen. Das ist lange her. Und es ist schön, dass der Wissenschaftsjournalist Wolfram Huncke mit einem Buch an Heinz Haber und Robert Jungk erinnert. Einige ihrer Streitgespräche über Zukunftsfragen aus den 80er Jahren hat er angeregt, mitgeschnitten veröffentlicht. Sie werden dem Titel des Buches gerecht.

Haber, Physiker, Astronom, “Fernsehprofessor” der 60er Jahre (“Unser Blauer Planet”) und Jungk, Philosoph und Psychologe, Emigrant, Gründer des “Instituts für Zukunftsfragen” sind beide im Mai 1913 geboren, ganze vier Tage trennen sie – doch waren ihre Biographien höchst verschieden. Ebenso verschieden sind ihre wissenschaftlichen Standpunkte, aber bei aller Kontroverse verbindet sie eine tiefe Freundschaft, beginnend mit einer Begegnung 1949 in den USA, wo der eine als Astrophysiker, der andere als Journalist tätig ist. Haber hält Vorlesungen mit dem Titel “Unser Freund, das Atom”, daraus werden Bücher und eine Fernsehserie, Jungk beschäftigen die Menschen, die Atombomben oder –reaktoren bauen, frühzeitig warnt er vor Gefahren bei der Energieerzeugung, vor den politischen Risiken nuklearer Rüstung.

Die Gespräche zwischen beiden sind lesenswert, weil sie Konfliktkultur beweisen: Freunde streiten – sehr ernsthaft, sehr engagiert, mit großer Sachkenntnis. Aus diesen Gesprächen könnten alle lernen, die heute “gegen Kernenergie” mobilmachen ohne simpelstes physikalisches Grundwissen, dass nämlich Sonnenenergie Kernenergie ist, dass unter der dünnen Haut der Erdkruste gewaltige Nuklearkräfte unseren Planeten am Leben erhalten, dass Radioaktivität ein Grundbestandteil unserer Welt ist, und dass die Frage ihrer technischen Nutzung – wie bei jeder Technologie – eine Frage nach menschlicher Verantwortung, also nach Fehler- und Konfliktkultur ist.

Das Buch schreitet viele Technikfelder ab, nicht nur das der Energieerzeugung. Frisch und lesenswert wirkt es, weil eben viele Fragen bis heute offen sind, die Gedanken der beiden Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts immer noch zur Vertiefung anregen. Es gibt am Ende eine Passage zum Thema deutsche Fernsehanstalten, in der beide ausnahmsweise einmal einig sind – auch der Rezensent muss dem nichts hinzufügen:

Haber: “… heute ist ein verwalteter bürokratischer Apparat mit verhärteten Strukturen anzutreffen. Und: Den meisten fällt nichts Neues mehr ein.”

Jungk: “Nicht nur verhärtet, die Arbeit ist auch durch die Angst geprägt, etwas anderes zu machen als das, was vorgeschrieben ist. … Die Stelleninhaber werden wahnsinnig vorsichtig, die Kreativität erlischt schließlich.”

Haber: “ Mehr noch: Die persönliche Verantwortung verrottet, weil der einzelne nicht mehr zu seinen Entscheidungen und Handlungen zu stehen braucht. Das System trägt schließlich alles. die Mitarbeiter versuchen, im System nicht aufzufallen, und dann kann ihnen persönlich nichts passieren.”

Jungk: “Nur geht auf diese Weise das ganze System irgendwann vor die Hunde. …”

Und damit haben sie den Finger in die Wunde der organisierten Verantwortungslosigkeit gelegt. Solange ökonomische Abhängigkeiten Angestellte in Hierarchien erpressbar machen, so lange Strukturen auf ihre Austauschbarkeit zielen, so lange werden Rückversicherungsverhalten, Intransparenz,  mangelnde Konfliktkultur nicht nur Fernsehanstalten, sondern jedes Unternehmen scheitern lassen. Und genau darum sind Kernkraftwerke heute bedrohlich. Nuklearforschung und Nukleartechnik verlangen das Gegenteil von organisierter Verantwortungslosigkeit – das ist übrigens auch ziemlich genau das Gegenteil des “real existierenden Sozialismus".

Wolfram Huncke (Hrsg.)

Gestern ist heute – Heinz Haber und Robert Jungk im Disput um die Zukunft

Hirzel Stuttgart 2011, 120 Seiten, 19,90 €

Glaube, Liebe, Hoffnung oder Gewalt Macht Lust?

Titel zu "Der menschliche Kosmos"

Gefühle - Konflikte - Strategien

Vor einigen Wochen hatte ich zum Thema „Gratiskultur“ gepostet. Der Entschluss, mein Buch „Der menschliche Kosmos“ ausschnittweise im vom Deutschen Literaturarchiv Marbach dokumentierten literarischen Weblog „Publizist“ zu veröffentlichen, ist konsequent, indessen keineswegs uneigennützig, denn dabei kann ich den Text aus dem Jahr 2006 abschnittsweise überarbeiten; dafür hat sich seither angesichts globaler Entwicklungen reichlich Stoff angesammelt. Wer mag, kann mit dem Originaltext vergleichen.

VORWORT

Das Schicksal des Menschen ist der Mensch. Das gilt für den Einzelnen, der kaum längere Zeit ungesellig leben kann, wenn er essen, trinken, sich warm halten und soziale Grundbedürfnisse befriedigen will. Das gilt für die Gattung in einer immer enger werdenden Welt mit knappen Ressourcen und begrenzten Räumen. Gefährdungen durch natürliche Katastrophen wird es zwar immer geben – Erdbeben, Überflutungen, Brände, Seuchen, gar kosmische Bedrohungen durch Einschläge von Asteroiden oder durch Strahlung werden sich nie gänzlich beherrschen lassen -, aber wir stehen heute mehr denn je vor der Frage, ob nicht die Bedrohung durch menschliches Handeln das eigentliche Problem ist.
Können wir immer bedrohlichere Konflikte zwischen konkurrierenden Gruppen – Nationen, Kulturen, Ethnien, Religionen, Konzernen, Banken, Regierungen, Parteien – oder was sonst für Konfliktkonstellationen sich ergeben – anders als durch Gewalt lösen? Neben den klassischen Szenarien der Kriege und Terrorattacken rückt immer mehr das Szenarium struktureller Gewalt in den Brennpunkt: Es gibt Organisationen, die rücksichtslos gegen Leib und Leben des Einzelnen, gegen das Gemeinwesens und gegen die Natur ihre Interessen durchsetzen. Dass Konflikte eskalieren, dass sie in vollkommene Zerstörung münden, nehmen solche Organisationen in Kauf. Sie stellen die ihnen zugehörigen Menschen von Verantwortung frei und machen sie zu willfährigen Handlangern.
Der Vorgang ist – an den religiösen oder anderen ideologischen Verklärungen von Gewalt seit je erkennbar – nicht neu. Aber angesichts globaler Auswirkungen, wie sie sowohl mit Kriegen seit dem 20. Jahrhundert als auch mit dem katastrophalen technischen GAU von Atomkraftwerken und Pharmaunfällen einhergehen, ist zu fragen, ob Konflikte zwischen Menschen so unbeherrschbar sind wie Naturereignisse.
Lässt sich das Verhalten von Milliarden Menschen nicht auf ein friedliches, ausbalanciertes Zusammenleben hin beeinflussen, auf kooperative Strategien der Individuen, der Gattung mit ihrer Kultur (Technik) und der sie umgebenden Natur ?
Ist Gewalt in Konflikten unvermeidlich?
Zweierlei zumindest ist sicher:
Konflikte werden in Zukunft ALLE betreffen. Die globale Wirtschaft wird es unvermeidlich geben und damit wechselseitige Abhängigkeiten aller von (fast) allen. Das betrifft die natürlichen Ressourcen ebenso wie den Informationsaustausch.
Konflikte sind unvermeidlich; sie erzeugen die Dynamik zwischen Gruppen von Menschen ebenso wie zwischen Individuen und dem gesamten Umfeld, mit dem wir alle interagieren: mit der Welt.
(Zur Fortsetzung)

Unheimliche Heime – ein Roman

Cover des Taschenbuches

Cover des Taschenbuches


In den vergangenen Jahren lasen, hörten, sahen wir immer wieder Berichte aus Alten- und Pflegeheimen: Reportagen oder Insiderprotokolle von schauderhaften Verhältnissen waren das, Geschichten von Übergriffen gegen wehrlose Patienten, von Gewalt und elendem Siechtum, von einsamem Absterben in sterilen oder verwahrlosten Häusern, wo überfordertes, unterbezahltes Personal menschliche Zuwendung durch forsche Sprüche und gnadenlose Routine ersetzt. Man mochte es nicht mehr lesen, hoffte zugleich inständig, dank eigenen familiären Rückhalts oder hinreichender finanzieller Vorsorge die letzten Lebenstage nicht in einer solchen Anstalt verdämmern zu müssen.

Hans Zengeler legt mit “In einer erdfernen Welt” den Beweis vor, dass es in Wirklichkeit nicht so schlimm ist. Es ist schlimmer. Die Heime sind, wie wir sie uns eingerichtet haben. Zengeler führt diesen Beweis anhand eines 69jährigen Schauspielers, der sich, vom Schlaganfall getroffen, an den Rollstuhl gefesselt in einem solchen Heim wiederfindet. Er hat als Held eines Stadttheaters wenig unternommen, menschliche Bindungen zu pflegen; zu spät sieht er ein, dass er damit einem Verhaltensmuster seiner Mutter folgte, die von Menschen unabhängig sein wollte, am Ende vereinsamt starb. Ihm widerfährt nun dasselbe. Er ist abgemeldet. Kein Kollege, kein Freund kommt zu Besuch. Die Ämter haben ihn in Verwahrung genommen. Schreibend, die Verhältnisse um sich herum beschreibend, ringt der halbseitig Gelähmte um sein psychisches Überleben.

Natürlich ist Zengelers Heim auch eine Metapher. Natürlich sind die in der Demenz bisweilen erleuchtet erscheinenden Moribunden keine armen Opfer. Zengeler fühlt mit den in die Erdferne Gesperrten, aber er ergeht sich nicht in Mitleidsritualen. Er sitzt mittendrin, und er führt den Leser hinein, dass er sehe, was das Personal so wenig sehen kann, wie die bisweilen auftauchenden, bestürzt, befremdet, peinlich berührt – jedenfalls hilflos – reagierenden Besucher: dass sie bald schon selbst da sitzen und einen gelben Fleck an der Wand anstarren könnten, verloren gegangen einer Welt, in der sich alle bemühen, nicht von anderen Menschen abhängig zu sein, statt sich von den Dingen ab- und dem Menschen zuzuwenden. Sie können es sich nicht vorstellen, die Angestellten vom Pflegedienst, die Besucher der “erdfernen Welt”, dass sie selbst als nächste auf der Warteliste für einen Platz darinnen stehen, weil sie ihr menschliches Umfeld mit ihren Gebrechen überfordern könnten. Sie kehren den Wirren den Rücken, schaffen Distanz und beten des Abends zu St. Florian.

Zengeler wäre nicht er selbst, wäre da nicht ein Funken Hoffnung, wären da nicht Lichtblicke menschlicher Nähe, wäre da nicht Bitternis und sarkastische Pointe. Das Buch ist eine ausgezeichnete Altersvorsorge, genauer gesagt: es hält dazu an, fürs eigene Alter vorzusorgen – so lange man sich noch von den Sachen ab- und den Menschen zuwenden kann.

Gläsern? Für Google – oder wen?

Wer nicht von sich aus Transparenz und Klarheit lebt, mästet nur Spione, Kontrollettis, üble Nachredner und – klar – BILD (falls er wichtig genug ist, aber das wird keiner, der offen zu seiner Langweiligkeit steht) 😀